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Berg-Etappe

Angekommen in Hoheneck, dem größten und ältesten Frauengefängnis der DDR.
Das Grollen und Rumpeln , als das große Tor sich hinter dem Fahrzeug hörbar schloss, schien wie ein Fanal. Eingesperrt,weggesperrt, weil ich außer Landes wollte. Würde sich dies Tor einmal wieder öffnen? Wann ?

Neben dem Auto  standen wir zu dritt verloren in einem Hofgeviert. Mindest drei Meter hohe Mauern in staubigem Grau, bröckeliger Putz, gedeckt von mehrfachen Stacheldrahtspiralen, heiseres Hundegebell, Masten mit Scheinwerfern, Tore, vergitterte Fenster aller Gebäude hinter denen ein paar neugierige Gesichter auftauchten und  weghuschten.
Eine dunkelblau Uniformierte holte uns, führte uns eine Treppe hinauf.
Ein stickiger Raum, mit einem primitiven Tresen begrenzt, erwartete uns. 
Als Kommando:"Ausziehen. Alles, aber dalli !“
Meine Augen gingen tief in den Raum. Es war eine Halle mit Wellblechdach, darunter ein Stangengerüst mit unübersehbar vielen Haken mit numerierten Seesäcken. Bilder, wie aus Filmen fiel mir ein. Doch war dies hier real.
Die Frauen hinter dem Tresen hatten fahle Gesichter mit versteinerter Mimik und ohne eine Spur von Lebendigkeit, ausdruckslos, mit tief dunklen Augenringen, eingekleidet in Schwarz und Graublau.Häftlinge.
Für uns Ankömmlinge wurden Stapel von Textilien zusammengetragen.
Nackt vor dem Tresen wurden wir Drei unter Achseln, am Haaransatz des Kopfes, der Scham auf Läuse kontrolliert, mit Puder angesprüht, gaben unsere private Kleidung als Haufen hinüber.  Jede bekam Rock, Blusen, Jacke, schwarzes Kopftuch, blaukarierte Bettwäsche, Unterwäsche, Waschzeug, Besteckteile, Henkeltasse aus Plastik und das Kommando „Anziehen“. In Eile und unter Antreiben standen wir in Kürze zur Gänze in Schwarz da.
Mit unserer Kleidung hatte man uns die letzten Reste unserer Individualität entzogen.

Das Verlies hatte uns geschluckt.

Abgelegte Uniformen denen Schulterklappen, Messingknöpfe als auch Aufschläge entfernt worden waren, die eingefärbt grad noch genug waren für die "Knastweiber". Nur die Blusen waren hin und wieder von einem aschigen Blaugrau.
Passform war unwichtig. Alle Utensilien hatten wir zu einem Bündel in eine graue filzige Militärdecke zu binden, das Bündel zu nehmen und in Eile der Uniformierten zu folgen.
Eingelassen in das Parterre einer der Zellentrakte sagte man uns, dass wir zunächst „auf Zugang“ kämen bis entschieden sei, wohin man uns verteilen wolle.
Von innen war alles ebenso alt und verbraucht, wie schon von außen anzusehen. Rotbraune gebohnerte Dielenböden oder Steinholzfußböden, dicke, hölzerne Zellentüren mit großen Doppelriegeln  außen und jede mit einem „Spion“, dem Beobachtungsloch, die Gänge unterteilt durch Gittertüren.
Beim Eintreten tat sich ein großer Raum auf, der nur zu ahnen war, denn sehen konnte ich kaum mehr,als viele, viele Stirnseiten von Feldbetten, gestapelt zu Dreifach-Etagenbetten.
Leise Stimmen waren aus der Tiefe des Raumes zu hören beim Eintreten und kurz darauf kamen auch ein paar neugierige Gesichter, um zu sehen, was das Öffnen der Tür bedeutete.
Die Schließerin befahl, die „Verwahrraumälteste“ zu sich, trug ihr auf uns alles Nötige zu erklären und zu zeigen, trat einen halben Schritt zurück auf den Gang, verriegelte und verschloß die Tür dreifach.
Ich wagte mich kaum vorwärts und war froh, dass mir jemand sagte, dass jenes Bett frei wäre und dort im Regal könne ich meine eben erhaltenen Sachen einräumen.

In ganz kleinen Schritten erfasste ich den Raum, sah, dass ca. 30 Schlafplätze auf engstem Raum waren und allmählich fand sich zu jeder Frau ein Eindruck. Redselig waren alle nicht. Ich wurde angesprochen, ob ich denn eine „Politische“ sei, aus welcher Stadt ich käme, wie die Höhe meines Urteils lautete und ob ich schon wüsste, in welcher Art des Vollzuges man mich schicken wolle. Mit meinen Antworten hielt ich mich mehr als zurück, gab nur das Nötigste preis.
Es war nun meine Aufgabe, für alle Kleidungsstücke Wäscheband mit meinem Namen zu besticken, damit nach dem Wäschewechsel die Kleidung den Weg zu mir zurück fand.
Mehr gab es tagsüber erstmal nicht zu tun, als die ersten Beobachtungen zum Tagesablauf zu machen und zu lernen, wie der Alltag hinter Gittern verlief.
Zweimal am Tag war „Zählen“. Dazu gehörte, dass die Verwahrraumälteste den Schließerinnen zu melden hatte, welcher „Verwahrraum“ mit wie vielen Frauen präsent war, ob jemand fehlte und warum. Die Schließerinnen waren dabei mit Dienstgrad anzureden.
Ein Fakt, der mir völlig fremd war, weil ich mich mit Dienstgraden jeglicher Art nicht auskannte und die Zeichen der Uniform nicht im mindest zu lesen wusste. Allein die „Erzieherinnen“, welche ein ganzes „Kommando“ zu erziehen hatten, waren namentlich anzusprechen und stellten sich auch namentlich vor. Ihr Dienstgrad war Oberleutnant.

Dass alle Zellen zweimal am Tag „gezählt“ wurden , nachdem zuvor auf den Gängen laut „Zählappell“ gerufen wurde, kam mir ziemlich absurd vor, weil keine der eingesperrten Frauen   Türen öffnen oder sich eigenständig bewegen konnte. Alle Wege im Haus wurden begleitet.  Man
konnte also gar nicht verloren gehen.
 
Alle drei Mahlzeiten pro Tag wurden in einem Saal eingenommen. Er glich einem abgetakelten Lagerraum, der eilig mit blanken Holztischen, Bänken und klapprigen Neonröhren bestückt worden war und überquoll an Menschen, laut und hallend war und ungelüftet.

Von dem Gewimmel war ich verwirrt und geschockt. Die Tatsache der Menge an Frauen hinter Gittern war mir zuvor unbekannt.
Vor oder nach einer der Mahlzeiten war meist Freistunde. Dann fand sich die Belegung des Speisesaales auf dem Innenhof wieder, einem Geviert, das U-förmig von Zellenhäusern eingeschlossen war, die Stirnseite dagegen war ein einzelstehendes Klinkergebäude, in dem „James“ und "Daisy" ein Büro hatten. James und Daisy waren den Gerüchten nach dafür zuständig, dass „Politische“ irgendwann abgeschoben und freigekauft wurden.

Die Freistunde verlief unter militärischem Drill. Zellenweise und in paarweise hatten allen im Kreis zu gehen, nicht zu sprechen und oft wurde verlangt, dass die schwarzen Kopftücher zu tragen waren. Es war ein mehr als bedrückendes Bild. Ein grauer Hof mit  Schottergrund, gefüllt mit schwarz gekleideten Frauen. Schweigend. Denn sobald gesprochen wurde, bellten Kommandos los, dass nicht zu sprechen sei.
Die Schließerinnen – von allen Häftlingen Wachteln genannt – suchten die sichere Nähe der Hauseingänge.
Verboten war es auch, aus dem Block allein seinen Weg zu suchen, sich anders als im vorgeschriebenen Rund zu bewegen oder gar sich sportlich zu versuchen.
Und ich sah die Gesichter vieler Frauen und konnte nur bedrückt sein, was sie spiegelten.
Fahl und grau und müde und erschöpft.


Lange blieb ich nicht Neuling in der Zugangszelle. In thüringischem Dialekt kommandierte man mich bald hinaus, ließ mich mit dem großen grauen Deckenbündel hinter einer Uniform in einen großen, dreistöckigen Zellentrakt  bis in den dritten Stock  zur vorletzten Zelle laufen. 
Man schob mich hinein in einen Raum, der restlos gefüllt war mit Dreistockbetten und eben einen knapp mannsbreiten Gang dazwischen zuließ.
Zuvor hatte man mich wissen lassen, dass das Gericht mich zu strengem Vollzug verurteilt hatte . Dies bedeutete eine Person für Briefe "nach draußen" und für Besuch, zwei Personen als Briefadresse, monatlich einen Brief, einen Besuch aller drei Monate und der Zwang zur Arbeit. Verweigern von Arbeit wurde mit Arrest bestraft. Zu arbeiten wäre im Drei-Schicht-System, allein der Sonntag wäre arbeitsfrei und es würde nach Stückzahlen gearbeitet und entlohnt. Von dem erarbeiteten Geld stünde mir monatlich ein Einkauf zu in einem Kiosk für persönliche Wünsche wie Zigaretten, Waschzeug, Kosmetika, Obst oder anderes.

Die Zeit, in der ich eintraf, fiel in die Höchstbelegung Hohenecks.

Durch das hellhörige Treppenhaus schallte eine Art Sirene. Mehr ein durchdringendes Schnarren mit Lautstärke. Wecken. Von außen wurde Neonlicht eingeschaltet.
In der Zelle wurde es lebendig. Von ganz oben, aus der Mitte und aus den untersten Betten plumpsten, wanden sich oder krochen alle gleichzeitig in den Gang und jede war jeder im Weg, musste ausweichen, ohne dass Platz dafür da war. Nun mussten sich alle fast zu gleicher Zeit waschen, zur Toilette, sich anziehen. Es war immer wieder ein Geduldsspiel und gelang nur, indem jede an sich hielt. Angekleidet hieß es dann in Windeseile „Bettenbauen“. Nicht einfach nur Bettenmachen, sondern das musste „auf Kante“ und im „rechten Winkel“ alles stramm und glatt sein. Aberwitzig, weil jedes kleine Detail fern von Komfort, Luxus und Wohnlichkeit in den Zellen war.
Vom Gang, aus dem Treppenhaus brüllte dann eine Frauenstimme „Zählappell“ und irgendwann öffnete sich die Tür und alle  hatten sich neben der Tür an der Wand in Doppelreihe aufzustellen. Zum Geländer war eben noch Platz, dass sich die Wachteln durchschieben konnten. War unsere Zelle dann mit Zählen an der Reihe, war Meldung zu erstatten. Die „Verwahrraumälteste“ hatte zu melden, dass der „ Verwahrraum“ mit 20 Strafgefangenen vollzählig angetreten war. Eigentlich sollte es ja augenscheinlich sein, denn die Meisterin, oder welchen Dienstgrad die Schließerin auch immer hatte, stand ja unmittelbar vor den Frauen.
Es kam im Laufe der Monate vor, dass dieses Zählen mindest dreimal für das ganze Haus wiederholt wurde.
Das gab Unruhe, lästernde Kommentare und allgemeine Erheiterungen.

Bei den Zählappellen stand dann das ganze Haus auf den Gängen. Es war möglich, die Frauen aus den gegenüberliegenden Zellen zu sehen und durch die offenen Umläufe auch hinab auf die Etagen unterhalb.
Je nach Schicht ging es dann oft zum Essen weiter, zur Freistunde und von dort zum Arbeiten mit dem Kommando „Ablaufen“.
Dafür mussten dann Hunderte durch verschiedene Gebäude laufen, geführt von den Wachteln um in den Speisesaal, die Arbeitssäle oder raus auf den Hof zu gelangen.


Die Tage waren bestimmt durch den Rhythmus der Schichtarbeit Tag und Nacht. Die Fabrikräume füllten ein Gebäude, das auf allen Etagen von verschiedenen Herstellern genutzt wurde. Es wurde Bettwäsche genäht, Strumpfhosen , Waschmaschinenmotoren wurden gewickelt, Stoffballen auf Knoten kontrolliert – all dies im Akkord, rund um die Uhr und nonstop durch das Jahr. Was die altersschwachen Maschinen nicht mehr hergaben, hatten wir Gefangenen aufzuholen . Der Staat brauchte Geld. Das was im Gefängnis produziert wurde, ging überwiegend außer Landes als Exportware.Welcher Lohn die Arbeit erbrachte, liegt bis heute im Dunkeln, Stückzahlen wurden regelmäßig in„Produktionsberatungen“ verlesen, von Normerfüllung, Übererfüllung und Untererfüllung gesprochen.
Durch die Zwangsarbeit in den Gefängnissen trug sich der Knast wohl weitgehend finanziell selbst. Alle Arbeit innerhalb wurde von Häftlingen erledigt, wie Küche, Heizung, Wäscherei, Sanitätsversorgung. Sogar die Wachteln und die Verwaltung wurden durch die Zwangsarbeit mitfinanziert als auch die Untersuchungsgefängnisse. Hoheneck beschäftigte rund 800 Personen des zivilen Lebens.



 Akkord

Der Nähsaal streckte sich als ein hallenartiger großer Raum, gestützt durch Eisengusssäulen über eine ganze Etage des Gebäudes, beidseits mit großen Fenstern versehen, die mit weißer Farbe undurchsichtig gemacht worden waren. In der Längsachse der Halle waren dicht an dicht Nähmaschinen. Parallel vor den Fenstern auf jeder Seite vier bis fünf, davor ein etwa ein Meter breites, statisches Band aus Pressspan an welchem sich eng gestellt Nähmaschinen anschlossen, dann ein enger Gang, wieder große Arbeitstische in Doppelreihe und spiegelbildlich in der zweiten Hälfte Saales die gleiche Anordnung. An der Stirnseite des Raumes , am Eingang gab es Werkzeugschränke mit Scheren, Zubehör für die Nähmaschinen, Wandzeitung mit Namenslisten und Stückzahlen, …..
Mehr als siebzig Frauen füllten den Saal beim Arbeiten. Vorarbeiterinnen organisierten den Arbeitsfluss.
Man wies mir eine Nähmaschine zu, erklärte, dass ich Kopfkissen zu nähen hätte und jemand zeigte mir, wie ich zu arbeiten hätte. Es ging um die Seitennähte, Schließen eines Stückes Tuch, das mit zwei breiten Säumen versehen war, welche dann die Knopleiste bilden würden. Links von mir auf einem Band aus Presspappe lagen die Stapel Stoff, die ich zu nähen hatte. Oben auf dem Nähtisch hatte ich den Stoff unter dem Steppfuß zu dirigieren um eine gerade Naht zu bekommen, unter dem Tisch mit den Füßen auf einem Pedal die Maschine in Gang zu setzen und mit dem Knie den Steppfuß zu heben oder zu senken für Beginn oder Ende einer Naht.
Die Stückzahl, die man erwartete, waren 287 genähte Kopfkissenbezüge pro Schicht, ohne Fehler. Es schien mir unmöglich diese Anzahl jemals zu erreichen.
Es waren Schnellnähmaschinen der Industrie,  wie sie in keinem Haushalt üblich sind. Und so hatte ich tagelang schmerzende Unterarme, weil ich versuchte, durch Ziehen am Stoff das Tempo der Maschine zu bremsen, das ich mit dem Pedal auslöste. Anfangs gab es einigen Ausschuss, den ich dann erneut zu nähen hatte.
Im Saal herrschte einen Höllenlärm und reden war unmöglich. Nur Schreien mit lautester Stimme konnte gehört werden.
Vor mir an den Maschinen sah ich nur gebeugte Schultern und Köpfe.
Auf einmal schrie jemand: „Erwin, Mechaniker !“ Verwundert über männliche Mechaniker suchten meine Augen das Geschehen im Lärm. Nein, es war kein Mann weit und breit zu sehen, sondern Erwin stellte sich als Spitzname für eine Frau heraus, die sich mit tapsigem Schaukelgang an die Reparatur einer Störung machte. Sie hieß Edeltraud, war mittelgroß, in meiner Zelle und "eine AE“, was bedeutet, dass sie zur „Arbeitserziehung“ veruteilt war. Manche meinten auch, dass die Abkürzung asoziales Element bedeutete.
Paradoxerweise waren es meist diese Gefangenen, die mit besonderem Eifer ihre Arbeitsnorm schafften. Viele von ihnen hatten Liebschaften, die mit Geschenken gepflegt werden wollten. Dafür brauchte es Geld. Und dies gab es nur durch reichlich Akkord.

Mein Entgelt erhielt ich als Papier-Coupons. Ähnlich Spielgeld waren verschiedene Beträge aufgedruckt, wie man es von Kinder-oder Familienspielen kennt. Dies konnte dann zum Einkauf verwandt werden.

Mein Verdienst lag zwischen 80 Pfennig pro Monat und erreichte ein Maximum von 13 Mark.
Nach reichlich einem viertel Jahr vermochte ich in etwa die geforderten Stückzahlen  zu erreichen und strengte mich damit an, weil man mich zu erpressen versuchte, dass ich ohne Normerfüllung meinem Verlobten nicht schreiben dürfte. Daran war mir sehr gelegen, diesen Kontakt aus dem Gefängnis heraus zu ihm ins Gefängnis hinein zu ihm zu halten. Eine andere Möglichkeit in Verbindung zu bleiben bestand für uns beide ansonsten nicht.
Dieses Dilemma war mir bewußt, doch ich nahm es hin.
Es brachte mich in eine äußerst zweideutige Situation, als ich in einer Produktionsberatung anhand meiner geleisteten Stückzahlen namentlich vor allen benannt,gelobt wurde und man mir die Nähmaschine mit einem Wimpel verzieren wollte.
Es war eine Bloßstellung.

Ungewollt war ich zwischen beide Lager geraten; das der „Politischen“ und jenes der „Kriminellen“. Letztere freuten sich über mich als „Abtrünnige“ und „zur Vernunft-Gekommene“. Frauen politischer Verurteilung wie ich, sahen mich als „ „Verräterin“ an, die „Kriminellen“ dagegen als eine „der ihren“. All dies, weil ich den Briefkontakt zu meinem Freund nicht riskieren mochte, diese einzige schriftliche und fragile Verbindung, mich der Erpressung ergab, Briefe nur bei bestimmter Akkordleistung schreiben zu können.

Dies alles verband sich mit diesem kümmerlichen Wimpel an meiner Nähmaschine, der über Wochen dort hing. Neue andere Arbeit an anderen Plätzen änderte das und ich war wiederum dabei, dem Akkord hinterher zu arbeiten. Einen Wimpel bekam ich nie wieder. Zu meiner Erleichterung.

Pausen im Nähsaal
Zum Beine vertreten, den Rücken zu strecken, den Augen eine Pause zu gönnen, zum Rauchen, zu einer Plauderei, dem höllischen Lärm zu entkommen, kostbare Momente für sich allein in der zwangvollen Fülle zu haben dafür gab es den Abort. Ein Raum ohne Farbe, Tapete oder andere Attribute von hygienischer Frische, eine einfache Reihe Toilettenbecken ohne Sichtschutz oder Trennwände, ein Waschbecken mit Plastikwasserhahn. Dafür gab es ein frei zugängliches Fenster, mit einem Handknauf zum Öffnen oder Schließen. Eigenhändig. Ein Luxus, der uns magnetisch anzog für Frischluft, Blicke zum Himmel bei Tag und Nacht. Weit Sehen war in der Kerker düsterer Enge innen nicht möglich und durch ein gegenüberliegendes Gebäude begrenzt.
Doch seither finde ich zu allen Jahreszeiten das Sternbild des Großen Wagen am Firmament und kenne das Geräusch der Turmfalken, die freiwillige Bewohner der Burg waren. Sie nisteten im alten Gemäuer und weckten Sehnsüchte nach draußen beim Beobachten.

In einer Nacht begegnete mir „Perle“, eine betagte Frau, in grau verwaschenem Kittel, zerschlissenen, schief gelaufenen Schuhen, einem Gesicht voll tiefer Runzeln. Sie wischte den Raum. Mitten in der Nacht. Und zu meiner Überraschung wusch sie sich ihr Gesicht im Wischeimer, obwohl in greifbarer Nähe Waschbecken waren. Selbst sah ich sie niemals sprechen.
Sie war eine Gefangene mit „LL“ - lebenslänglich. Was hatte die Zeit an ihr angerichtet ?

Berge und Täler

Nicht allein das Treppauf Treppab zwischen Zelle und Arbeit glich dem Wechseln zwischen Berg und Tal.
Rückkehr nach einer Schicht war wie das Ankommen nach einem Aufstieg und ließ Ruhe erhoffen.
Doch oft genug gab es stattdessen Überraschungen.
Beim Öffnen der Zellentüren rief oft genug eine der Frauen mit Panik in der Stimme „Filzung“.
Sobald ich selbst was sehen konnte, trieb es mir sofort die Wut hoch.
Die penible, militärische Ordnung der Zelle war auf den Kopf gestellt, es herrschte ein heilloses Durcheinander. Gegenstände lagen auf dem Boden, waren sinnlos und wahllos herausgezogen, herumgeworfen worden.
Und viel schlimmer noch. Mehrere schimpften über fehlende Utensilien wie Zeichnungen ihrer Kinder von draußen, Briefen,  selbstgemachte Kerzen, Kleidung, die in verbotener Eigeninitiative geändert worden war, fehlende Kosmetika und vieles andere mehr.

Nein, in einem Klima von Angst und Unterdrückung suchte jede für sich  nach Wegen der Erleichterung durch Annehmlichkeiten. Jegliche Regung dazu, jeglicher Versuch galt als verboten.

Es war verboten, mehr als die vorgeschriebene Anzahl von Briefen der Angehörigen in der Zelle zu haben, es war verboten mehr als zwei Fotos seiner Liebsten in der Zelle zu haben, es war verboten selbst gefertigte Kerzen (aus Cremeschachteln, Schuhcreme/Margarine, Schnürsenkeln) zu haben, es war verboten Schmuck aus Papier auf Tischen oder an Fenstern zu haben, es war verboten durch eigenen Näherei die überlassene Kleidung  in jeglicher Art zu verändern, es war verboten eine Pinzette (aus einer Haarklemme gefertigt) zu besitzen oder zu nutzen, es war verboten zu singen in der Zelle, es war verboten allein in der Zelle zu bleiben, es war verboten sich in andere Zellen einschließen zu lassen, es war verboten zu trommeln ( auf Waschschüsseln o.ä.), es war verboten an vorgeschriebenen „Kulturveranstaltungen“ Teilnahme zu verweigern, es war verboten anderen Frauen Schriftliches zukommen zu lassen (Kassiber), es war verboten ohne Anweisung Winterkleidung anzuziehen, es war verboten……
Nur Verbote waren nicht verboten.
Die gab es generös überall und für alles.
Und wer dabei angetroffen wurde, dass er Verbote unbeachtet ließ, der wurde erst mündlich gemaßregelt oder mit Arrest „zur Räson“ gebracht.
Maximum drei Wochen Arrest mit verschiedenen Härtegraden.
Doch das war in den feuchtkalten Kasematten von Hoheneck ziemlich beliebig, welcher Härtegrad.
In jedem Fall war Arrest völlige Isolation. Dazu kam Kälte, Hunger und Dunkelheit.
War die Grenze von drei Wochen erreicht, dann hatte der Haftarzt darüber zu entscheiden, ob die Frau weiter arrestfähig war.
Herr Doktor Ja...... hatte meist keine Einwände gegen Verlängerung des Arrestes. Exakt dieser Arzt betreibt heute mit Familie eine Arztpraxis in Ahrensfelde bei Berlin.

Es lag in Händen der innerhalb Hohenecks eingesetzten Ärzte für die Genehmigung des Tragens von Hosen zu sorgen, Frauen, die unter Ödemen (Wassereinlagerungen in Beinen oder sonstigen Körperregionen) „Reistage“ zum Entwässern zu verordnen, Medikamentenausgaben von Beruhigungsmitteln (wie Valium; Ost-Produkt hieß Faustan) Stimmungsaufhellern=Tranquilizern, Schlafmitteln zu sorgen. Die letztgenannten wurden freigiebig ausgereicht und sollten wohl helfen, schwelende Aggression , ausgelöst durch Beengung zu kanalisieren.
Dazu frage ich mich, ob nicht die eine oder andere Frau damit in eine Medikamentenabhängigkeit geriet. Es war ja sichtbar, dass bei Medikamentenausgaben bestimmte Frauen in ständiger Versorgung standen. Erhalten haben alle jeweils Einzelgaben von Medizin. Originalpackungen waren dabei nicht sichtbar.
Auch ich bekam eine geraume Zeit ein „Mittelchen“.
Noch vor Vollendung meines 20. Lebensjahres hatte ich Ausbleiben des monatlichen Zyklus und sprach darüber natürlich mit den mitgefangenen Frauen. Darunter waren auch Ärztinnen, die mir dann rieten, dies nicht hinzunehmen, weil es möglich wäre, dass mit längerer Pause des Zyklus dieser dauerhaft ausbleiben könne und ich damit für immer unfruchtbar würde.
Eine der Wachteln nahm also meinen Wunsch nach Sprechstunde beim Frauenarzt kommentarlos entgegen und ließ mich dann im Ungewissen, wann ich zum Arzt dürfte. 
Es geschah dann in einer Woche der Nachtschicht, tagsüber und fiel in die Zeit des Schlafens, dass der Frauenarzttermin stattfand. Insgesamt war ich etwa 3 bis 4 Stunden unterwegs, obwohl die Räume des „GW“ (Kürzung von Gesundheitswesen) im Gelände lagen, jedoch durch Wartezeiten sich auf diese Zeitspanne ausdehnten.
Der eigentliche Kontakt zum weiblichen Frauenarzt war recht kurz. Begrüßt wurde ich von einer Frau, die über dem weißen Kittel sichtbare Schulterklappen trug, mich mit einer Hand mit Gummihandschuh begrüßte, dann damit schrieb, mich untersuchte und am Schluß  mit eben dem selben Handschuh aus dem Raum entließ. Zuvor hatte sie angewiesen, dass ich „die Pille“ bekommen solle um die Amenorrhoe = Aussetzen des Zyklus medikamentös zu verhindern.
So bekam ich hinter Gittern die Pille, bis ich Hoheneck verließ. Immer erhielt ich sie einzeln zugereicht. Die Packung dazu sah ich nie.

Es war also wichtig gesund zu bleiben. Die Bedingungen waren schwer genug mit der Enge, den primitiven sanitären Zuständen, dem Mangel an Sauerstoff, Mangel an Bewegung, den fehlenden Möglichkeiten sich kreativ zu betätigen oder Sport zu treiben. Wer immer sich darin versuchte, wurde gehindert oder dafür bestraft.
Eine der Frauen meiner Zelle bastelte in der Adventszeit aus Papier Weihnachtsschmuck. Sie hatte großartige Fertigkeiten sehr filigrane Papierschnitt-Sterne zu machen. Alle liefen zu ihr, um sich die Sterne anzusehen, bewunderten sie und freuten sich über diese harmlose Verzierung der primitiven Zelle. Nach kurzer Abwesenheit kamen wir in die Zelle zurück und fanden diese Sterne dann als Knäuel am Boden.
Die Schließerinnen zeigten mit solchen Gesten, dass sie machen konnten, was sie wollten.

Es war ein Katz und Maus Spiel. Denn wir in Haft hörten nicht auf, uns  jede noch so kleine Freude zu erlauben.
Zu Geburtstagen innerhalb der Zelle war es des Staunens wert, mit welcher Fantasie und liebevollem Aufwand solch ein Tag mit Kleinigkeiten für die Betreffende verschönt wurde.
So gab es Blüten, die aus dem rosa Zellstoff der Damenbinden entstanden, selbstgenähte „Dessous“ mit Stickerei, gemalte Bilder, Geburtstags“-torten.
Dafür waren dann Leckereien  eigener Pakte von draußen oder vom“Sprecher“  es wert, eine Freude damit zu machen.
Die „Torten“ waren sehr beliebt und wurden vom Munde abgespart, gesammelt und mit viel Liebe und Freude zusammengesucht, gemacht und gemeinsam gegessen.
Die einfachste Art war es, Zwieback mit Marmeladenwasser einzuweichen, aus Margarine und Rübensirup eine Creme zu rühren und alles zu schichten. Je nach Möglichkeiten gab es bessere Zutaten, wenn man vom Verdienst der Schufterei im Maschinensaal etwas dazu kaufen konnte.

Die größte und schönste „Torte“ ,  war ein Bus von etwa 50 cm lang, war etwa 5 cm hoch und bevor alle es sich schmecken ließen, wurde er bewundert und auch mit einigen Tränen der Rührung begleitet. Dieser Bus war Symbol für den Beginn eines Lebens in Freiheit im anderen Deutschland ohne Mauern und brachte auch mich eines Tages fort von Isolation, Demütigungen, Willkür.

Solche Kuchen und Torten herzustellen war verboten und konnte mit Arrest bestraft werden. Die Wachteln waren eifrig in Abwesenheit die Zellen zu „filzen“, um wegzunehmen was immer sie fanden.
So war es dann die  Aufgabe von uns RF’lern, dies zu umgehen. Notfalls wurden die Utensilien tagsüber immer hin und hergetragen, bis sie verwendet und gegessen werden konnten. 
Mit dem Brotwein war es ebenso. Er wurde in den Emaille-Kannen angesetzt und oft tagelang transportiert, versteckt, ehe er trinkfertig war.
Brotwein bestand überwiegend aus Brot, Wasser und Zucker und nur wenn bessere Zutaten aufzubieten waren, konnte er „verfeinert“ werden.
Nicht allein die Wachteln waren erpicht darauf, den Brotwein aufzuspüren. Nein es fanden sich auch immer wieder bösartige Gemüter, die petzen gingen, bevor der Wein getrunken war.
Ich hatte als Kind  schon gelernt, nicht zu petzen.
Hinter Gittern war Verrat beliebt, der Verräter hingegen nicht.
Irgendwie wurden die Petzen dann oft doch enttarnt.
Dafür gab es dann in schlimmen Fällen Prügel.
Viel schlimmer war es , wenn Petze von allen anderen geschnitten wurde, keine mehr mit ihr sprach, sie einfach nicht mehr beachtet wurde. Oder aus der großen Menge heraus dann Racheaktionen stattfanden, die diejenige bloßstellten, ohne dass sie Schutz und Hilfe erfuhr.
Manche ließen dann davon ab, sich eigene Vorteile durch Verrat zu verschaffen. Andere waren so dreist, dass sie ungehemmt weitermachten, sich anbiederten bei Wachteln.
Dazu gab es das geflügelte Wort „Ich schreib gleich einen Brief“, was bedeutete, dass dieser Brief  in den Postkasten der Anstaltsleitung gelangen würde.
Selbst solch eine massive Drohung wurde von den Politischen spöttisch belacht.
Sie hatten immer Widerworte, weil sie wussten, dass sie mit Freikauf zu rechnen hatten und zu ungewisser Zeit sehr schnell und überraschend entlassen werden würden.








>>>>>>>> NEUES FOLGT ........>>>>








 








 











 

 






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