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Zwischenstopp

Die Stasi wollte mich offensichtlich nicht länger als nötig beherbergen und kurz nachdem das Schandurteil über mich und die anderen rechtskräftig war, hatte ich wiederum die Minna zu besteigen.

Die Fahrt war kürzer, als ich erwartete. Auszusteigen hatte ich im Innenhof eines großen, älteren Sandsteingebäudes, das dem Gerichtsgebäude sehr ähnelte. Das Treppenhaus war mit Gittertüren auf allen Etagen versehen, die Wachleute schickten mich treppauf bis in den dritten oder vierten Stock. Es war stickig im Treppenaufgang und draußen herrlichstes Badewetter und Sommer.
Als ich die richtige Etage erreicht hatte, nahm mich eine dunkelblau uniformierte Frau der Wachleute entgegen und wir schwenkten in die Etage ein.
Der Raum und der Blick öffneten sich in ein großes und altes Gefängnis mit Fanggittern zwischen den Etagen, Türen an den Treppenabgängen, Maschendrähten. Hier gab es wesentlich mehr Türen und Etagen als in der überschaubaren Stasi -U -Haft. Und dieses Haus bebte vor Leben und Fülle. Die Tage waren angefüllt mit Geräuschen.

Zu zweit blieben wir vor einer der Türen stehen, die Schließerin öffnete. „Gesicht zur Wand“ blieb diesmal weg. Nur ein „komm’se“ als Aufforderung die Zelle zu betreten, dann schloss sich unter dreimaligem Hantieren die Tür hinter mir.

Mein erster Gedanke zu diesem Raum war: „Verlies“.
Es war die reine Tristesse. Ein erbärmlicher Karzer, keine Zelle.
Die Glasziegel ließen nur schwach Tageslicht überhaupt ein, denn es war wohl eine Zelle zu einem der quadratischen Innenhöfe.
Die Luft stand im Raum.
Es gab ein Doppelstockbett.
Auf einem Podest links vom Fenster stand eine Tonne, ähnlich einem alten Ölfass. Nur obenauf einen Plastikring mit Plastikdeckel wiesen auf anderes Benutzen hin.
Aha. Dies war also ein Kübel. Der Kübel für die Notdurft.
In einer Zelle ohne Sauerstoff, mit einem Fenster, das sich nicht bewegen ließ. Nur die Klappe zwischen der inneren und äußeren Reihe Glasziegel war zu bewegen.
Es fanden sich noch zwei derbe Holzhocker in der Zelle.
Und staunend fragende Augen von der oberen Etage des Bettes auf mich herab.
Das Mädchen stellte sich als Siebzehnjährige heraus mit einem ziemlichen Jargon.
Sie war eine Kleinkriminelle und klärte mich auf, dass ich in der Dresdner Untersuchungshaft wäre. Sie wollte mir nicht glauben, dass ich geradewegs von dort bei ihr gelandet wäre. Es bedurfte einigen Erzählens von beiden Seiten, bis die eine von der anderen wusste, wieso jede im Knast saß.
Das Mädchen wollte nicht glauben, dass ich für so was vom Gericht mit 20 Monaten abgeurteilt worden war.
Sie selbst schien mir verwahrlost. Nicht dass sie schmutzig gewesen wäre. Sondern die Erwachsenen ihrer Familie hatten sie einfach sich selbst überlassen. Und sie muss wohl ausgerissen sein von zu Hause, denn sie berichtete von Kumpels und männlichen Freunden, die ihr halfen und sie wohnen ließen. Offenbar auf dem Gelände einer Kaserne.
Ihre Geschichten und Worte zu verstehen, fiel mir nicht leicht, da sie überfrachtet waren mit Slang, Jargon und ich mich dadurch nicht in ihre Welt hineinversetzen konnte.

Für mich war klar, dass ich nicht in diesem Haus bleiben würde, dies nicht der angekündigte Strafvollzug sei.
Freigang, Freistunde gab es auch hier. Täglich raus aus der stickigen Zelle und für etwa eine viertel Stunde Frischluft.
Der Hof und der Freigang unterschieden sich sehr deutlich von den Betonboxen der Stasi. Hier war es ein Innenhof, mit einem gepflasterten Rundweg und links und rechts sogar einigen wenige echte, grüne Grashalme.
Dort hatten wir im Kreis zu gehen. Viele. Viele Frauen.
Alt und jung. Manche puppig bunt im Gesicht wie zum Karneval, andere schmuddelig und vom exzessiven Leben gezeichnet, wieder andere sprachen in ihrer Landessprache – polnisch – slowakisch  - konnte ich nur vermuten. Ermahnungen und Kommandos der „Wachteln“  wurden einfach ignoriert.
Während des Rundgangs schrie aus einer der Zellenfenster eine raue kehlige Männerstimme „ich will ficken“. Oder aber gezielt Namen einer der Frauen und dass sie am Abend ans „Telefon“ kommen solle.
Der Rundgang im Freien war wie Radio. Jeder der genug Courage hatte, schrie drauf los. Nur, wer es zu sehr übertrieb, wurde irgendwann arrestiert.

In diesem altertümlichen Gemäuer stand mir der Sinn überhaupt nicht danach, auch noch den Arrest kennen zu lernen.
Die Wachteln hatten mit der Menge an Häftlingen einfach genug zu tun, als dass sie sich mit jeder Verfehlung befassen wollten oder konnten. Einige von ihnen schienen ihres Broterwerbs aus müde, sahen fahl aus im Gesicht.

Kurz nachdem ich in dieser Zelle ankam, holte man mich zu einer ärztlichen Untersuchung. Eine Eingangsuntersuchung. Das Mädchen meiner Zelle ebenso.
Es war die übliche Suche nach Ungeziefer, Kassibern (geschmuggelte Aufzeichnungen)  und ich war weiterhin frei davon.
Meine Zellenkumpanin traf nach mir vom Arzt ein. Und plapperte drauf los, dass der Arzt….. Ich musste erst mal lauschen, sortieren , ihre Wortfragmente entziffern.
Der Inhalt ihres Geplappers war, dass sie einen Tripper hätte.

Und mit ihr hatte ich das Klo gemeinsam zu benutzen. In brütend stehender Luft. Ohne fließend Wasser im Raum.
Ob das wohl gut gehen mochte? Gemeinsame Klobrille und sie mit Tripper?
Es ging gut und sie wurde aus der Zelle geholt für Gaben von Penicillin. 
Tagsüber reichte man uns Blechkannen mit Tee oder Muckefuck (Malzkaffee). Zum Waschen wurden Waschschüsseln benutzt, das Wasser dazu kam in Kannen in die Zelle.

In einer der schwülwarmen Sommernächte lagen wir im Dunkeln und konnten keine Kühlung und keinen Schlaf finden.
Es muss Mitternacht oder später gewesen sein. Das Haus war völlig ruhig. Tagsüber waren Reparaturen am Gebäude gewesen mit Maschinen, die lärmten und bohrten und hämmerten.
Jetzt , als alles rundum still war hörte ich ein Geräusch wie Tröpfeln, leises Plätschern. Ich hörte es und das Mädchen im Bett oben auch. Wir berieten, was das wohl sein könnte. Außer der Heizung gab es keinerlei Rohre, die tröpfeln konnten. So tappte ich im Dunkeln in Richtung Fenster und Heizung, tastete alle Rohre rund um die Heizung ab. Das Geräusch blieb aus und ich fand keine nasse Stelle. Der Boden unter der Heizung war ebenfalls trocken.
Seltsam, was war es denn dann?
Wenn auch leise, so doch für unsere geübten Ohren hörten wir, dass jemand von Zelle zu Zelle ging und Lichtkontrollen machte.
Um auf uns aufmerksam zu machen, stellte ich mich mitten in die Zelle und wartete, dass auch bei uns das Licht angeschaltet wurde.
Und die Schließerin öffnete auch wirklich die Luke in der Zellentür um zu fragen, was los sei. Ich bat sie das Licht anzulassen, damit ich nachsehen könnte welche Ursache es für das plätschernde Geräusch geben könnte.
Wieder ging ich zur Heizung. Und zufällig sah ich auch in die Blechkanne, die nah der Heizung mit Malzkaffee stand.

Dort in der Kanne sah ich eine Mausenase kreisen. Mehr war von dem kleinen Tier nicht zu sehen. Und offenbar hatten ihre Paddelversuche sich zu retten , das Geräusch verursacht. Ein hoffnungsloser Fall, die Maus in der Kanne. Kein Entkommen. Sie nicht, ich nicht.
Ich sagte zur Schließerin , dass in der Kanne eine Maus schwimme. Kaum hatte ich den Satz zu Ende ausgesprochen, kreischte sie oben auf dem Bett los, dass es durchs ganze Haus hallte und sie hörte nicht auf.
Beruhigende Worte von mir halfen nicht. Die Schließerin versuchte es durch die Luke an der Tür. Das Schreien dauerte fort.
Bis ich sie dann wütend anschnauzte, dass die winzig kleine Maus auf keinen Fall aus der Kann heraus käme und sie aufhören sollte so unsinnig zu schreien. Dann ließ sie das Schreien sein und die Wärterin draußen gab mir zu verstehen, dass sie eine zweite Person holen würde, dann die Tür öffnen und die Kanne samt schwimmender Maus aus der Zelle entfernen. Bis dahin könnte das Licht angelassen werden und das Mädchen solle sich ruhig verhalten.
Zu zweit öffneten die Wärterinnen dann die Tür, nahmen die Kanne mit Maus entgegen und irgendwann haben wir in jener Nacht noch Schlaf gefunden.

Am Tag stellten wir dann fest, dass unter dem Bett eine Laufstrecke von Mäusedreck war. Der Eingang war die Spalte unter der Tür, die für eine Maus keine Hürde war.

Neben meiner Zelleninsassin, fehlendem fließenden Wasser, der Hitze im Haus war auch das Essen von unbekannter Beschaffenheit. Mehrfach ließ ich das warme Essen aus, oder im Kübel verschwinden. Mit Abstand das miserabelste Essen während der gesamten Haft war diesem Haus zuzuschreiben: zerkochte Makkaroni mit gebratenem Kohl. Aus diesem Gericht, das wohl zu Notzeiten entstanden war, hatte man noch durch alle Fehler, die möglich waren, einen solchen Fraß werden lassen, dass der ärmste Lump das Gruseln bekam beim Anblick dieser Pampe.

Hin und wieder hatte ich in der Zelle Herzstiche. Es wiederholte sich und ich meldete mich zum Arzt. Man holte mich bei Tag aus der Zelle und brachte mich zu den Sanitätsräumen im Zellentrakt. Davor warteten andere Frauen, die wohl auch den Arzt sprechen wollten. Es war eine Schwangere dabei, eine Zigeunerin, eine mit bandagiertem Arm. Insgesamt so etwa zehn bis zwölf, die da auf dem Gang standen und warteten. Hier kümmerte es niemanden, dass Häftlinge einander sahen oder gar mal ein Wort wechselten. Dann begann die Behandlung. Die Tür stand offen und Arzt und Patient waren nur durch einen Paravent verdeckt. Man konnte die Stimme eines männlichen Arztes hören und dass gesprochen wurde im Raum.
Die Frauen hatten wenig mit dem Arzt zu sprechen, es ging zügig voran, die Schlange vor mir wurde kürzer. Beim Gehen der einen und Kommen der anderen kranken Gefangenen sah ich kurz das Gesicht des Arztes. Ich kannte ihn von einem Erste-Hilfe-Kurs. Dieser Arzt arbeitete also hier ! Er war gutaussehend. Doch hatte er einen Sprachfehler. Immer wenn er seiner selbst unsicher war, geriet er leicht ins Stottern. Das war mir bekannt.
Die gefangenen Frauen vor mir gaben schließlich den Raum frei für mich und ich trat ein.
Meine persönlichen Daten lagen vor dem Arzt als Krankenblatt. Ich sprach ihn an und berichtete von meinen Herzbeschwerden.
Er geriet ins Stottern, suchte nach anderen Worten , um das Stottern zu umgehen.
Nun war ich mir gewiss, dass er mein Gesicht und mich wieder erkannt hatte als einstige Kursteilnehmerin.
Doch was ließ ihn Stottern? Der Ort der Begegnung? Sein Zusatzverdienst?
Immerhin war ich es, welche „im Namen des Volkes“ verurteilt war. So hätte ich Grund gehabt , verlegen zu werden ihm gegenüber.
Er ordnete Medizin an, die ich als Tropfen am Abend in einem Becher dann gereicht bekam solang ich noch dort verblieb.

Zwei Wochen dauerte es etwa, bis eine Schließerin mich eines morgens aufforderte, die Sachen zu packen, Privates extra, weil ich auf „Transport“ ginge.
Soviel klare Information war eine erfrischende Neuigkeit.
Doch wieder stieg das Bangen auf, was als Nächstes zu erwarten war.
Auf dem Gang reichte die ältere Schließerin mir zur Verabschiedung die Hand und meinte, wenn ich mich weiter so gut führen würde, hätte ich sicher Chance auf vorzeitige Entlassung. Ich war perplex angesprochen zu werden, noch dazu mit guten Wünschen und sagte, dass ich darauf nicht hoffe, sondern auf die Ausreise in den Westen , denn das allein wäre es, was ich wollte. Sie war überrascht und sichtlich ahnungslos von meiner politischen Verurteilung, lächelte , wünschte mir alles Gute und übergab mich den Läufern, die mich dann treppab aus dem Gebäude schleusten.

Es folgte eine Fahrt in der Minna, der Enge in Blech, die bereits nach kurzer Fahrt am Bahnhof endete. Beim Aussteigen wurde ich an Handschellen gelegt, zusammen mit einer anderen Frau bildete ich ein Paar und wir wurden über den Bahnhof, über Bahnsteige geführt, außerhalb der Überdachung und stiegen in einen Waggon , der äußerlich einem Postwagen ähnelte. Die Fenster des Waggon waren weiß gestrichen und von außen nicht einsehbar. Innen sah es einem Passagierwaggon ähnlich, nur dass die Abteiltüren Schlösser hatten und ein „Abteil“ aus waagerechten Brettern in Sitzhöhe bestanden, die eben ausreichten sich hinzusetzen.
Im Abteil nahm man uns die Handschellen ab, schloss die Tür zu und ließ uns allein.

Wir waren im „Grotewohl-Express“ auf der Fahrt in den Strafvollzug. Wo immer das auch sein würde.
Die Fahrt dauerte einen ganzen Tag. Unterwegs blieb der Zug stehen auf freier Strecke. Es wurde umgekoppelt, abgekoppelt oder einfach gewartet.
Spät abends kamen wir in Chemnitz an. Erschöpft von der Hitze. Wir hatten kaum zu trinken bekommen, hatten keine Frischluft im Abteil, durften einmal austreten auf einem Klo, das nach Seuchengefahr aussah, waren steif von Enge und langem Stillsitzen und froh uns zu strecken, Schritte gehen zu können.
Wieder wurden wir als Paar mit Handschellen zusammengeschlossen und über Bahnsteige durch die Transportwege des Bahnhofes geschleust bis zur Minna. Diesmal alle in einen großen Mannschaftswagen , der von außen grau war.
Eine Nacht blieben alle in Chemnitz.
Am nächsten Morgen nach dem Frühstück ging es weiter.
Wieder mit einem großen Mannschaftswagen und drei Frauen darin fuhren wir aus der Stadt raus. Wir erreichten eine Landstraße. Ihre Fahrbahn war so schlecht, dass wir auf den Bänken hochgeschleudert wurden. Ich hatte mich vorn an das Gitter geklammert und versuchte durch die Gitter und die Frontscheibe ins Freie zu sehen so gut es ging.
Es waren etwa 30 Kilometer und die Umgebung wurde ländlicher, die Bebauung ging über zu kleinen, freistehenden Häusern in hügeliger Landschaft.
Der nächste Halt war an einem großen eisernen Rolltor, das sich öffnete und sich hinter dem Fahrzeug schloss bis sich das vordere eiserne Rolltor öffnete und wir auf das Areal fahren konnten.
Es war die Ankunft im Ort Stollberg auf der Burg Hoheneck – dem Strafvollzug.  
 

 






 





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