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„Vernehmungen“

Diese begannen, nachdem Haftbefehl erteilt, Fotos gemacht und Fingerabdrücke genommen waren.
Man war sich meiner sicher, hatte mich weggesperrt und konnte sich nun alle Zeit lassen.
Es stand den Stasi-Leuten frei, mich tagelang in der Zelle zu lassen oder auch in dichter Folge mich treppauf, treppab pendeln zu lassen zwischen Zelle und den zwei Etagen höher gelegenen Räumen der „Vernehmer“. Diesen Namen gaben sich die Stasi-Leute selbst.

Zu unbestimmter Zeit wurde dann die Zellentür zweifach aufgeschlossen, entriegelt und einer der „Läufer“ forderte mich auf: „Eins, komm’se.“  Auf dem Weg durch Flure und Treppen wurde bei jedem Halt „Gesicht zur Wand“ kommandiert, bis zur Tür, durch die ich dann zu gehen hatte.

Räume, in denen Verhöre stattfanden, waren alle zur Innenseite gepolstert. So auch jener Raum, den ich wiederholt zu sehen bekam.
Beim Betreten befand sich das Fenster genau vis a vis und tagsüber wurde ich dadurch oft geblendet, sah nur Schattenrisse eines Mannes.
Viele Male wurde mir der Holzhocker zugewiesen, der mit dem rötlichen Steinholzfußboden durch vier Winkeleisen verschraubt war und zwei , drei Schritt von der Tür  seitlich in einer etwa 1 Meter tiefen Nische stand.
Kurz davor gab es einen Sprelakattisch mit Rohrgestell und quer dazu der Schreibtisch des Vernehmers. Das Telefon, das er nutzte , um mein Kommen und Gehen zu veranlassen, mit Nebenbüros zu sprechen, stand in einer der Schubladen und es war ihm äußerst wichtig, dass ich das Hantieren mit der Wählscheibe nicht sehen sollte.

Mein Eintreten verlief ohne Begrüßung und meist war das Erste, das ich hörte , die Anweisung wohin ich mich zu setzen hätte. Wahlweise auf den Hocker oder auch an den Tisch, ihm gegenüber , aber durch zwei Tische getrennt . „Nun erzählen Sie doch mal...“ war eine Aufforderung die er dann an mich richtete. Und meist erntete er damit mein Schweigen.

Den Namen, noch den Dienstgrad meines Vernehmers kannte ich nicht. Und es war auch nicht vorgesehen , dass ich Kenntnis davon bekäme. Mein Gegenüber war ein fadenscheiniger, unsportlicher, semmelblonder, mittelgroßer Mann von Anfang Dreißig.

Obwohl man mir meine Personaldokumente sofort abgenommen hatte, begann die Reihe der Verhöre mit dem Erfragen meiner Daten wie Name, Adresse, Geburtstag und – Ort.
Dazu sollte ich sagen, in welchem Stadtteil Berlins ich geboren sei.
Mir war weder die Klinik meiner Geburt noch der deren Stadtteil bekannt.
Es gab ein verbales Kräftemessen, weil ich auf meiner Unkenntnis bestand, er aber unbedingt eine Antwort erzwingen wollte.
Außer sich schrie er mich dann an, dass ich doch wissen müsste wo ich geboren sei und verkürzte dies dann auf „im Osten oder im Westen“.
Und ich schrie ihn zurück an, dass es zu dieser Zeit, als ich geboren wurde, Sektoren bestanden hatten, jedoch noch kein Ost und West, mir der exakte Verlauf der Sektoren als Kind schnuppe war und die Klinik in der ich auf die Welt kam nicht bekannt sei.
Schlagartig war sein Ausbruch vorbei.
Seine historischen Kenntnisse waren wohl zu einseitig vermittelt worden und meine erhobene Stimme hatte mir ein wenig Freiraum im Verhör verschafft.
Weiterhin sollte ich „gestehen“ , ob ich Westverbindungen hätte.
Und ob ich die hätte, ja selbstverständlich. Immerzu und immer wieder und dies schriftlich, mündlich und sogar regelmäßig, weil es sich ja um meine Familie wie Großeltern, Tanten, Onkel handele. Und zu diesen Leuten wollte ich in Verbindung bleiben, es war mir wichtig.
Der Unterstellung, dass ich von diesen Leuten ein Bild „des goldenen Westens“ eingeredet bekommen hätte, habe ich nicht widersprochen , sondern nur von den Berufen meiner Angehörigen berichtet und ihrer Redlichkeit , ihrem Fleiß und ihrer unermüdlichen materiellen Unterstützung durch Geschenke , Pakete , Besuche. Seine Bilder vom „bösen Westen“ waren nicht meine und wenn seine Feinde im Westen waren, so hatte ich dort lebendige, warmherzige Menschen, die ich kannte und über die ich in seiner Gegenwart kein abträgliches Wort zu sagen bereit war.
Meine Familie wurde immer wieder als Thema herangezogen. Es ging darum , ob ich in der Planung der Flucht mit meiner Familie darüber gesprochen hätte.
Das hatte ich gezielt und bewusst nicht getan , um ihnen Verhöre oder Schlimmeres zu ersparen. Sehr wohl hatte ich kurz vor der Inhaftierung meine Schwestern noch besucht. Und es fiel mir reichlich schwer , stumm und nur innerlich Abschied zu nehmen , ob nun die Flucht glücken werde oder auch nicht. Mit meinem Vater hatte ich schon Jahre nicht gesprochen, meine Schwestern waren und blieben ahnungslos, zu welchem Schritt ich mich mit meinem Freund entschlossen hatte.

Ich selbst war über die geplante Schleusung im PKW nur soweit durch meinen Freund in Kenntnis gesetzt worden, wie es für mich , mein Verhalten nötig war.
So wusste ich, dass ich in einen Kofferraum zu steigen hätte, kannte den Lageplan dafür nach dem Einstieg, erfuhr kurz zuvor den Tag der Flucht. Dies alles war absichtlich so in die Vorbereitung einbezogen, damit unbedachte Worte nicht alle in unnötige Gefahr bringen, ein unbedachtes Wort nicht zuvor die Flucht verhindere.
In der Gruppe derjenigen , die abhauen wollten, war ich die passivste und am wenigsten informierteste. Auch weil ich eine Frau war, hatten die Männer vorbereitend daran gedacht, dass dies im Falle von Haft einfacher sei.

Verhöre gab es in mündlicher Form , als Sammeln von Bekenntnissen, Fakten und ähnlichem.
Wenige Male wurden sie auch durch dilettantische Versuche, eine Schreibmaschine zu nutzen, begleitet. Es sah bemitleidenswert aus, wie sich der Blonde mit den Tasten abmühte.
Sobald er es aus der Maschine entnommen hatte, legte er es mir vor zum Lesen und zur Unterschrift, dass ich davon Kenntnis genommen hätte. Mit seiner lückenhaften Rechtschreibung konnte ich am wenigsten einverstanden sein. Ein oder zwei Hinweise auf seine Rechtschreibfähigkeiten lösten  Aggression und Zynismus bei ihm aus und ich stellte sie für weitere Protokolle ein.
Später dann bekam ich ein solches „Vernehmungsprotokoll“ in Reinschrift. Für die gesamte Zeit bis zur Gerichtsverhandlung belief sich die Zahl auf gesamt vier solcher Protokolle.

Eine dieser Reinschriften eines Protokolls bekam ich an einem Tag . Der Vernehmer kam von seinem Schreibtisch zu mir an das Ende beider Tische. Ich durfte an diesem Tag am Tisch sitzen. Er legte mir zwei oder drei Blatt mit Schreibmaschine geschriebenes Protokoll vor, einen Kugelschreiber dazu, sagte „lesen und gegenzeichnen“, suchte seinen Platz am Fenster auf und begann Zeitung zu lesen. Dabei war er für mich von der Zeitung verdeckt.
Das Lesen dauerte nicht lang. Den Inhalt kannte ich, die Ausdrucksweise der Protokolle auch. Formulierungen wie „die Schmidt“ oder „die S.“ und die gekünstelte, gestellte Sprache waren mir nun nicht mehr neu. Ich zeichnete auch dieses Schreiben als gelesen gegen mit meinem Namen. Dann stand ich auf, lehnte mich weit nach vorn über den Tisch und ließ die gehefteten Bögen über den Tisch in Richtung seines Schreibtisches gleiten.
Er hatte wohl mehr aus dem Augenwinkel bemerkt, dass ich aufgestanden war und eine Geste in seine Richtung tat , allerdings hinter der Zeitung hervor.
Er reagierte erschrocken, stand abrupt auf und hatte im gleichen Moment die Zeitung aus den Händen fallen lassen und einen großen , schweren Bürolocher in der Hand , die in halber Höhe zur Abwehr erhoben war. Er war auf einen tätlichen Angriff von mir gefasst.
Es war absurd !
Dieser große, schwere Kerl fühlte sich bedroht, ging in Verteidigungsstellung mit einem Bürolocher in der Hand gegen eine junge Frau von neunzehn Jahren !
Es wäre mir niemals eingefallen meine Haft durch körperliche Übergriffe zu ändern. Alles was in meinem Sinn und Interesse war, war das Land zu verlassen.
Was mag man wohl den Leuten, die zu Vernehmern geschult wurden, gesagt haben über ihre „Gegner“, die sie in den Verhören vor sich haben würden.
Solch jungen Menschen wie ich gehörten sicher nicht in das vermittelte  Bild. 

Ich wurde verhört, ob und inwieweit meine Familie von meinem Vorhaben der Flucht wusste.
Interessant war es, welche Impulse mich zur Flucht veranlasst hatten. Meine allgemeinen Hinweise wurden nicht hingenommen und so wurde ich konkret, indem ich meinen Wunsch nach unbeschränkter Bewegungsfreiheit und Reisefreiheit äußerte. Nein, es würde mich nicht im mindesten zufrieden stellen Strandurlaub in Bulgarien in Aussicht zu haben, weil schon der Antrag auf einen Reisepass weitaus mehr als eine Formalität sei. Meine eigene Erfahrung hatte ja schon erwiesen, dass selbst die Reservierung auf einem Zeltplatz im Inland an der Küste ein Hindernislauf war und weder ein gewünschter Platz, noch eine gewünschte Zeit noch ein Platz überhaupt in der Hauptferienzeit nach individuellem Wunsch erreichbar waren, sondern wie ein Treffer einer Lotterie. Und wie sollte ich dann zu einem Reisepass kommen, mein Reiseziel frei wählen können und noch dazu die Kosten dafür aufbieten? All dies zusammen konnte mein Vernehmer nicht beantworten, mir junger Frau.
Seine Bemerkung in einem beiläufigen Satz, dass ER wisse wofür er bezahlt werde, überging ich. Doch warf es ein Licht  darauf, dass er sich seiner besonderen beruflichen als auch entgeltlichen Bedingungen bewusst war.
Diese Frage nach dem WARUM der Flucht wurde in immer neuen Schattierungen und Varianten wiederholt. Und sie ging meist mit lauterem oder leiserem Wutausbruch von meinem Gegenüber einher.
Ohne, dass wir uns absprechen konnten, nannten mein Freund, den ich in Verhören nur noch mit meinem Verlobten benannte,  parallel ähnliche und gleiche Argumente.
Diese Übereinstimmung machte es wohl nicht leicht uns als Paar getrennt zu verhören.

Doch es wurde auch versucht, mehrfach uns gegeneinander zu verstimmen, Misstrauen zu säen, uns gegeneinander auszutricksen, auszuspielen. Meinen Freund und Verlobten kannte ich etwa zwei Jahre bevor wir diese Flucht planten und in die Tat umzusetzen begannen. Es war viel, was ich von ihm wusste und von seiner Meinung. Wenn es darum ging, dass zwischen ihn und mich Zwietracht gesät werden sollte, dann war ich mit ihm verbündet, stand mit ihm Rücken an Rücken. So schwer es auch durch die Staatssicherheit und deren Isolationshaft gemacht wurde, war mein Bild innerlich von ihm klar und ich mir seiner Haltung, Einstellung sicher.
Selbst die Unterstellungen, dass er mich vermeintlich betrogen hätte, Heimlichkeiten vor mir hätte , dass es da eine Frau gäbe, blieben wie ein Luftballon im Raum hängen und vermochten mich nicht zu beeindrucken.

Ohne Vorbereitung war ich eines Tages – ein bis zwei Wochen vor Ostern -  zum Vernehmer ins Zimmer geholt worden.
Er legte mir einen DIN A 4 Bogen Papier hin, einen Kugelschreiber, ging hinter seinem Schreibtisch in Sicherheit und erklärte mir, dass ich meinem Verlobten schreiben könne.
Ich solle mir gut überlegen, was ich schriebe. Sollte ich „Schwachsinn“ schreiben, dann würde dieser Brief als Schnipsel im Papierkorb lande, statt bei meinem Verlobten. Und ich solle nur die halbe Seite nutzen, damit auf der anderen Hälfte die Antwort von ihm Platz fände.
So überraschend hatte ich schon Mühe, zum einen in wenigen Sätzen zu sagen, was mir auf der Seele lag. Nämlich, dass mit mir unter den gegebnen Umständen alles in Ordnung sei, er keinen Grund habe in Sorge um mich zu sein, dass ich von meinem Vorhaben mit ihm gemeinsam diesen Weg zu bestehen, nicht abweichen würde und dies nicht wolle. Und all dies mit einem persönlichen , warmen Ton zu schreiben gab ich mir die größte Mühe.
Als ich zuende geschrieben hatte, das halbe Blatt beschrieben war, griff der Stasi-Kerl sofort zu, las es, strich eine halbe Zeile mit einem Faserschreiber unleserlich aus und ließ mich in meine Zelle zurückgehen indem er unterhalb der Schreibtischplatte die Wählscheibe surren ließ und „abholen“ kommandierte.
Auf dem Rückweg begleitete mich wieder die Signalanlage mit dem grünen und dem roten Licht. Sie diente dazu, dass immer nur eine Person im Treppenhaus unterwegs war, entweder treppauf oder treppab.
Ein einziges Mal gab es dabei einen Fehlversuch. Da ich allerdings zwei Etagen höher war, der andere Gefangenen im Parterre, konnte ich ihn auf die Entfernung und dem Schummerlicht nur als männliche Person erkennen. Die Wachleute reagierte hektisch, geradezu panisch.
Meinem Verlobten begegnete auf dem Weg zur Vernehmung ein junger Mann, der mit ihm die gleiche Schule besuchte und dort nun in Uniform ihm vis a vis stand. Dieser Mitschüler bekam einen hochroten Kopf, als er meine Verlobten sah.
Warum? Hm ?

Eine weitere Überraschung erlebte ich, als ich kurze Zeit nach dem Duschen mit feuchtem Haar aus der Zelle geholt wurde „Eins, sie haben Besuch, komm’se“.
Davon wusste ich nicht im mindesten, dass ich überhaupt Besuch haben dürfte. Mein Herz fing an wie wild zu klopfen, meine Gedanken überschlugen sich. Wer mich wohl besuchte?
Es wusste außerhalb der Gefängnismauern eigentlich niemand, wo ich war. Außer meiner Schwester, der ich einen Brief schreiben durfte, dass ich in Haft sei. Doch sie wusste sicher nicht, wo genau ich war, noch weniger, warum ich dort war. Konnte es sein, dass sie mich besuchte? Und nicht nur, dass ich im Trainingsanzug und Drillichhemd ihr gegenübertreten musste, nein, auch noch mit nassem Haar, wie eine gebadete Maus. In mir herrschte innerlich die völlige Aufruhr.
Der Weg führte von der Zelle hinab. Etwa in den Keller? Dort, wo die Folterzellen sein sollten?
Ja, wir gingen in den Keller. Der Wachmann allein mit mir. Niemand konnte uns hier sehen, niemand  hören. Ein Gang im Keller mit einer Art Notbeleuchtung, unter der Decke Leitungsrohre. Doch, wir unterquerten in einem Kellergang die Gebäudeteile und mussten vermutlich zu den Hauptgebäuden vorn an der Hauptstrasse gelaufen sein. Der Besucherraum befand sich dann im Parterre. Ein kleiner Raum mit einem quadratischen Tisch, Kunststoffplatte und Rohrgestell, zwei Rohrstühle vis a vis und ein dritter nah der Tür.
Kurz nach mir kam meine Schwester.
In mir gab es einen Ansturm widersprüchlicher Gefühle. Zu ihr hin, in ihre Arme um Trost zu suchen und zu finden. Von ihr weg, um ihr das Herz nicht schwer zu machen und besser zu sagen, was mir geschehen war, warum sie mich in diesem Haus zu besuchen hatte.
Es war uns nicht erlaubt uns zu berühren. Keinen Händedruck, keine Umarmung. Keine tröstliches In – den – Arm -nehmen, das so viel sagen kann und so viel Worte sparen kann.
Nah der Tür saß irgendein Mann in Uniform und beobachtete uns, hörte jedes Wort in diesem kleinen Raum. Zu den Gründen und Ursachen, weshalb wir uns in diesem Raum sahen, durfte ich nichts sagen. Dabei drängte doch alles danach, zu beschreiben, zu erklären warum ich ihr nun unter diesen ungewöhnlichen Umständen gegenüber saß.
Eine halbe Stunde war uns vergönnt. Ein wenig konnte ich ihr mit Zwinkern und Andeuten zu verstehen geben, doch ob sie es aufgenommen und verstanden hatte, darin war ich mir nicht so ganz gewiss. Und was sie von offizieller Seite über mich zu hören bekommen hatte, über den Anlass meiner Haft, auch darüber konnten wir kein Wort wechseln.
Es war mir jedoch eine Erleichterung, dass meine Schwester mich besuchte, ein wenig um mich wusste und dies all jenen sagen konnte, die vermutlich nach mir fragten.


Die Verhöre nahmen an Tempo und Häufigkeit ab. Offenbar war es klar geworden, dass mein Anteil an Planung und Vorbereitung der Flucht nur in Wissen und Wollen bestand. Und ich einfach nur soviel wusste, wie für mich selbst nötig war.
Der Vernehmer ließ mich wissen, dass ich für die Gerichtsverhandlung zuvor einen Rechtsbeistand haben dürfte und legte mir eine Liste von Anwälten vor. Keinen der Namen kannte ich, sowie ich ohnehin als junge Frau keinen Kontakt zu Anwälten zuvor hatte.
Namentlich war mir Rechtsanwalt Vogel in Berlin bekannt und eben diesen wollte ich als Rechtsbeistand haben.
Der Vernehmer wurde wütend. Warum ich niemand aus der vorgelegten Liste aussuchte, sondern einen Berliner Anwalt. Nach meiner Antwort, dass Herr Vogel solchen Leuten wie mir bei Gericht in Hinblick auf Flucht und meist damit verbundene Ausreiseanträge hülfe, wie ich wüsste, ließ er weiter Einwände bleiben. Er sagte, meine Entscheidung würde weitergeleitet, ich würde erfahren, wann und von welchem Rechtsanwalt ich vertreten werden würde, denn es könnte sein, dass Herr Vogel noch anderes zu tun habe, als meinetwegen nach Dresden zu kommen. Es gäbe Untervertretungen, die dafür einspringen würden.

So war es dann auch. Ich erhielt ein Schreiben eines Dresdner Anwaltes, dass er meine Angelegenheit vertretungsweise übernähme, an Herrn Vogels statt und ich könnte mich mit ihm in Verbindung setzen. Der Hohn , dass ich freiwillig irgendetwas aus der Haft heraus tun dürfe, war ihm wohl nicht bewusst.
Als der Gerichtstermin der Verhandlung bekannt war, bekam ich dies gesagt. Es war etwa zwei bis drei Wochen zuvor. In diesem Zeitraum kam dann auch der Rechtsanwalt zu einem Gespräch von höchstens fünfzehn Minuten. Wir sprachen uns in einem Raum, der offenbar für solche Kontakte zwischen auswärtigen Besuchern und Gefangenen existierte. Dass wir vermutlich kein Wort wechselten, ohne dass dies abgehört wurde , war mir bewusst und dieses Gespräch war eher eine Formsache, als dass sie mir etwas an Beistand, Information oder Zuversicht gegeben hätte.

An einem der Tage, die ich zum Verhör geholt wurde, gab es wenig zu sagen. Stattdessen legte man mir meine Kündigung vor. Ich wäre für den Betrieb nicht mehr tragbar mit meiner staatsfeindlichen Einstellung.
Nun war ich also im doppelten Sinne arbeitslos und in der DDR. Arbeitslos saß ich in der Zelle – ohne Beschäftigung und eine Arbeit draußen im Alltag hatte ich auch keine mehr. Im „einzigen deutschen humanistischen Staat“ ein Zustand, den es offiziell nicht gab.
Anhand eines Papiers, das ich lesend zur Kenntnis bekam, erfuhr ich auch von einer Inventarisierung meiner Wohnung. Diese zu finden und zu mieten war eine Mühsal, da ja kein Wohnungsmarkt bestand und Wohnen staatlich „gelenkt“ war. Daran hatte ich mich mit Hilfe meines Verlobten vorbei gemogelt und bei einer Erbengemeinschaft ganz privat einen Mietvertrag gemacht.
Zu dieser Wohnung erhielt ich während der Untersuchungshaft das Androhen einer Räumung und einen bitterbösen Brief der kommunalen Wohnungsverwaltung, dass ich illegal eingemietet sei und mit Räumung zu rechnen hätte.
Auf meinem Holzhocker beim Lesen im Stasi-Büro konnte ich darüber nur zynisch lächeln.
Man hatte mich ja schon zwangsgeräumt . Damit war die Wohnung ja frei geworden.
Diese Dinge trugen dazu bei, dass mir mehr und mehr deutlich wurde, dass ich nichts mehr hatte, was mich an diesem Ort und in diesem Land halten konnte.
Die zaghaften Versuche erwachsen zu werden, eine Existenz zu schaffen, ein eigenes Leben nach eigenen Wünschen und aus eigener Kraft einzurichten, wurden durch die Stasi, die Haft so sehr torpediert, dass ich nur noch „weg und raus“ wollte um jeden Preis.

Man brachte mich in eine neue Zelle, mit zwei weiteren Frauen. Jede von uns war eine „Politische“ mit einer Fluchtgeschichte, jedoch in verschiedenen zeitlichen Phasen der Untersuchungshaft und Ermittlungen.

Für mich ging es noch um die Gerichtsverhandlung, das Urteil und dessen Höhe.
Die Wachleute holten mich an einem Tag aus der Zelle, brachten mich in eine andere, die nur mit einem an die Wand geschraubten Brett und einem Hocker und einer Toilette ausgerüstet war und gaben mir Bögen Papier, einen Bleistift, das Strafgesetzbuch und die Verfassung der DDR, damit ich mich auf die Gerichtsverhandlung vorbereiten könnte und Argumente und Fakten für meine eigene Verteidigung. Damit ließ ich mir viel Zeit. Zumal ich ja erstmalig die Textpassagen der Paragraphen , derer man mich anklagen wollte , selbst zu lesen bekam. Denn niemand , der auf illegalem Weg plant außer Landes zu gehen, wird vermutlich zuallererst die Gesetzestexte studieren, für den Fall des Misslingens und folgender Verurteilung vor Gericht. Die Notizen jenes Tages hatte ich bei Verlassen den Wachleuten zu übergeben und sollte sie im Gerichtsgebäude erhalten, unmittelbar vor der Verhandlung.

Die Untersuchungshaft dauerte reichlich vier Monate als der Gerichtstermin spruchreif wurde.

Drei Frauen in einer Zelle, das gab von allem reichlich. Wir hatten uns einander genügend zu erzählen und es ergab sich unter uns drei, dass wir auch lachen konnten zusammen.
Wenn es nichts zu lachen gab, dann konnten wir einander beistehen, oder unser Wissen über den Weg nach drüben tauschen, uns trösten. Kurz und gut, war dieses Fristen der Zeit in einer Zelle entlastend für uns alle, soweit man überhaupt unter den gegebnen Umständen davon sprechen konnte.
Und natürlich taten wir das Verbotene und „klopften“  und „telefonierten“ mit der Nachbarschaft, da ja immer eine von uns drei Schmiere stehen konnte.
Eines Tages hatten wir das Klo leergepumpt und lauerten, dass wir beginnen konnten zu sprechen, ohne erwischt zu werden.
Man ließ mir den Vortritt. Sicher an diesem Tag reiner Zufall.
Aus der anderen Zelle kam Antwort und ich erschrak, weil ich die Stimme kannte. Und ich hatte völlig richtig gehört. Es war mein Schwippschwager, mein Mitflüchtling, Mittäter.
Und so konnten wir uns nicht sehen, aber miteinander unerwartet reden. Als Arzt bekam ich gleich Tipps von ihm, wie ich mit monotonem Essen zurechtkommen könnte. Und wir nutzten auch die Gelegenheit zum reinen Austausch unserer eigenen Angelegenheit so kurz vor dem Gerichtstermin. Mein Schwippschwager wurde in einem anderen Verfahren behandelt. Ich würde ihn also vor Gericht nicht sehen oder hören können.
Im Ungewissen, wie lang diese Gunst uns erhalten werden würde, konnten wir gar nicht so schnell reden, Fragen stellen und beantworten, wie sie uns über die Lippen kamen. Und wir ahnten richtig, denn das Nahsein Wand an Wand währte nur kurze drei Tage.
Doch wie aufregend waren diese Gespräche, bei allem Bemühen meines Schwippschwagers mir zuzureden, mich aufzubauen und mir moralische Stütze zu sein. Und all dies, obgleich er doch selbst in keiner besseren Situation war.

Mit Hilfe meiner Schwester, die mich besuchen durfte , wurde veranlasst, dass ich Kleidung gebracht bekam für die Gerichtsverhandlung. Denn offenbar waren der Staatssicherheit meine Kleidungsstücke,  die ich im Winter im Alltag trug nicht präsentabel genug. Zumal es auch inzwischen sommerlich warm und mild war.

Am Tag der Verhandlung wurde ich wiederum in jene Zelle geführt, in welcher ich meine Verteidigung vorbereiten durfte, bekam dort zivile Kleidung, durfte mich umziehen.
Immer wieder schnupperte ich an meiner Kleidung, die so frisch roch, nach ein wenig Seife und Waschmitteln und nicht, wie die Sachen, die wir Untersuchungshäftlinge beim Wäschewechsel bekamen, aber immer nach muffigen Kellerräumen, Benzolverbindungen, Desinfektionsmitteln stanken. Dann hatte ich zu warten, dass es aus dem Gebäude ginge.
Direkt vor der grauen , metallenen  Außentür stand ein grauer fensterloser Kleinbus in den ich dann verwiesen wurde. Innen waren Umbauten vorgenommen worden als Blech-Buchten mit einer Tür davor. Hinter der Tür befand sich ein Blechbord als Sitz. Dort hinein hatte ich mich zu zwängen und kaum, dass die Stahlblechtür hinter mir geschlossen wurde, war es schon stickig und luftknapp da drin. Kurz nach mir kam mein Mann gefolgt von weiteren Passagieren in die „Minna“ . Meinen Man erkannte ich am Räuspern – unserem kleinen Signal – und das Auto fuhr los.
Halt war in einem Innenhof des Bezirksgerichtes, einem voluminösen Verwaltungsgebäude aus Sandstein.
Nach dem Aussteigen bekamen alle ein „eisenhaltiges Abführmittel“ – Handschellen -, eine Wach- und Begleitperson, und wurden im Gänsemarsch durch die hinteren Treppenhäuser in das Gericht und durch die Gänge und Etagen geführt. Es war wenig los auf den Gängen, doch saß auf einem der Stühle für Besucher ein Mann an dem die Prozession vorbei musste. Mein Verlobter hob die Hände samt Handschellen über den Kopf und erklärte laut: „So wird man behandelt, wenn man das Land verlassen will !“, was ihm sofort einen Hieb mit dem Schlagstock eintrug. Wir wurden direkt in den Gerichtssaal geführt und in die erste Stuhlreihe vor dem erhöhten Richterpodium gesetzt. Wohl nebeneinander, doch blieb zwischen uns die Breite eines Stuhles frei, damit wir uns nicht berühren konnten. Mein Verlobter und ich nutzten jeden Augenblick einander anzusehen, uns zuzulächeln, trotz Verbote im Kommandoton zu flüstern . Wir hatten einander so lang nicht sehen können, sprechen können und uns nur einmal ein paar Zeilen zukommen lassen können.
Als alle Beteiligten des Gerichtes im Raum waren, die Türen geschlossen und alle sich hingesetzt hatten, wurde begonnen zu verlesen. Immer wieder wurde dabei verkündet: „Die Öffentlichkeit wird zugelassen – oder – die Öffentlichkeit wird ausgeschlossen“ . Dies war eine reine Formalität und hohnsprechend, weil weder im Gerichtsgremium, noch im Zuschauerraum sich etwas änderte, ja nicht einmal die Türen des Gerichtssaales bewegt wurden. Die Verhandlung wurde durch eine Pause unterbrochen, die ich als Angeklagte zusammen mit den beide Mitangeklagten in einem Raum mit Rohrstühlen, Tisch und Proviantbeutel mit belegten Broten verbrachte.
Am Ende dieses Gerichtstages wurde der Termin der Urteilsverkündung festgesetzt und benannt und am Abend war ich wieder in meiner Zelle, in Trainingsanzug und Drillichhemd und wurde von beiden Frauen bedrängt und ausgefragt, wie alles abgelaufen sei. Alles zu erzählen, verkürzte uns die Zeit bis zur Nachtruhe viel schneller als sonst, denn zu einer festen Zeit wurde von außen das Licht gelöscht.

In der letzten Juniwoche fand die Urteilsverkündung statt. Ich wurde aus der Zelle geholt, in eine weitere geschlossen, bekam meine Privatkleidung, wartete bis ich in die Blechbüchse gesperrt wurde, die als Transportmittel fungierte, erreichte das Gerichtsgebäude und den Gerichtssaal. Meine Notizen zu meiner Selbstverteidigung erhielt ich im Saal. Die Möglichkeit mich zu äußern jedoch nicht . Keiner von uns Beschuldigten.
Klageschriften und Ermitteltes wurde wiederholt vorgelesen zu jedem von uns Angeklagten.
Angeklagt waren wir im „Namen des Volkes“ unter Ausschluss der Öffentlichkeit und es wurden die beantragten Höhen der Strafen vorgetragen. Zu dritt waren wir VERBRECHENS gegen den Staat beschuldigt.
Es war so unglaublich und unfassbar, dass ich ein Verbrechen begangen hatte, indem ich von Fluchtplänen zusammen mit meinem Verlobten wusste und dies für mich und meine Person befürwortete, das Land zu verlassen. Dies machte mich also zum Staatsverbrecher. Obwohl ich niemanden bedrängt, verleumdet, geschadet hatte , kein Eigentum beschädigt oder gestohlen hatte, keine nicht genehmigte Demonstration veranstaltet hatte , keine Gewalt ausgeübt hatte, hatte das Gericht und deren Diener keine Hemmung oder Bedenken mich abzuurteilen.
Der Rechtsanwalt und Verteidiger bekam die Gelegenheit sich zu äußern und seine verteidigenden Worte waren in drei Minuten gesagt.
Allein mein Lebensalter von eben 19 Jahren war ihm Argument, das Gericht hinzuweisen, dies bei der Urteilsfindung zu beachten .
Das Urteil lautete für mich auf 1 Jahr und 8 Monaten. Für „gewusst und gewollt“ im Namen des Volkes. Der Wunsch und Gedanken dazu frei , selbstbestimmt in einem Land meiner Wahl zu leben wurde also mit Gefängnis bestraft. Wer von den Leuten draußen auf der Strasse hat wohl überhaupt davon gewusst, dass hinter den Türen des Gerichtes solche Urteile erlassen wurden?
Die weiteren Tage Haft galten abzuwarten, dass das Urteil rechtskräftig werden würde.
Danach würde man mich in den Strafvollzug „überstellen“ hatte mich mein Vernehmer informiert. Mit einem süffisanten Grinsen, dass es dann ganz anders langgehe und ich dann den richtigen Knast kennen lernen werde. Wohin man mich bringen würde und wann das sein würde, sagte er mir nicht.

Es brauchte etwa noch zwei sommerliche Wochen, bis ich mit der „Minna“ aus der Untersuchungshaft der Staatssicherheit geholt wurde – „auf Transport „ ging“.





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