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 Die ersten Kilometer



Es war ein Donnerstag im Februar 1976.
Ein Arbeitstag wie so viele.
Doch ich wusste, dass ich in Gefahr war. Jede Stunde wuchs sie. Woraus sie genau bestand und wann sie mich treffen würde, war ungewiss.
Die beiden Wochen zuvor und die letzten Nächte bahnten es an. Mit dem starken Frost hatte es nicht zu tun. Nicht die Minustemperaturen von – 15°C waren mir gefährlich.
Nicht der fehlende Schlaf und nicht das Bangen, mit einem falschen Wort zu falschen Person eine Lawine zu provozieren. Auch nicht die innere Anspannung waren mir gefährlich.

Es waren meine Gedanken, dieser Wunsch. Dieser unstillbare, unumkehrbare Wunsch – raus hier und hin in eine neues, lebendigeres Leben mit eigenem Willen, eigener Wahl, eigenen Entscheidungen. Raus aus Dresden, zurück nach Berlin, weg aus der Zone.
Abhauen. Um jeden Preis.

Dieser Donnerstag begann wie für Tausende meines Alters mit dem Weg zur Arbeit.
Und bis zum Mittag waren meine Sinne auch dort, bei der Arbeit. Konzentriert und bei der Sache. Unter Kollegen, Besuchern von außen.
Doch dann kamen drei Leute. Erst sprachen sie mit anderen. Dann kamen sie mit einer meiner Vorgesetzten zu mir.

Ich solle nun mit den Drei mitgehen zur Personalabteilung. So tat ich es.
Dort sprach man nicht mit mir, sondern sprach mit der Abteilungsleiterin und teilte mit, dass ich nun „zur Klärung eines Sachverhaltes“ in Begleitung mitzugehen hätte.
Alle Gesichter waren ernst, verschlossen. Alle sprachen leise und mieden Augenkontakt.

Gemeinsam kehrten wir zu viert nochmals zurück, damit ich meine Handtasche mit Papieren, Wohnungsschlüsseln und ähnlichen Dingen auf diesen Weg mitnehmen könnte.
Meine Begleiter, zwei Männer und eine Frau in Zivil blieben auf Armeslänge bei mir, wir gingen diese Dinge holen und ich sehe noch heute die Gesichter voller stummen Schreckens, geweiteter Augen, aufsteigender Röte meiner Kolleginnen, die dieses Defilee beobachteten.

Ein PKW brachte mich an Ziel. Mein Platz war auf der Rückbank zwischen einem Mann und einer Frau.

Mit wem ich es zu tun hatte, hatte niemand erklärt, doch war mir bewusst, dass es die Staatssicherheit war. Was genau man von mir wollte, sagte mir niemand. Mich direkt sprach man nicht an. Nur knappe Worte wie „nach rechts, nach links, die Treppe hinunter, steigen sie in das Fahrzeug“.

Als die Fahrstrecke zuende war, das Auto hielt, waren wir auf dem Innenhof eines mir unbekannten Geländes und die Beifahrertür unmittelbar vor einer unscheinbaren, grau metallenen Tür. Dort hinein sollte ich nun gehen. Es waren vielleicht fünf oder zehn Schritte, dann war ich im Gebäude.
Ein uniformierter Mann nahm mich in Empfang in einem kleinen Raum mit einem Tisch, zwei Stühlen simpelster Art.

Nein, er war es nicht, der „einen Sachverhalt klären“ wollte mit mir.
Er gab mir Anweisung, alle Taschen zu entleeren, den Inhalt auf den Tisch zu legen, die Handtasche ebenso. Jede Bewegung von mir wurde mit überwachenden Blicken verfolgt, als könnte ich jeden Moment eine Waffe in den Händen haben.

Das war natürlich Unsinn.
Doch spürte ich, dass sich hier alles bisher Vertraute ins Gegenteil verkehrte.
Mich hatte man abgeholt und nun war ich es, die verunsicherte und beobachtet wurde, als würde von mir Gefahr ausgehen.

Lauter Männer um eine Neunzehnjährige !
Alle Utensilien wurden nun aufgelistet, jeder Notizzettel, das Geld wurde auf Heller und Pfennig gezählt, notiert.

Meine Kleidungsstücke wurden begonnen zu notieren. Schmuckstücke, die ich trug wurden notiert und ich hatte sie abzulegen.

Als die Niederschrift vollzählig war und alle Hürden der Rechtschreibung gemeistert, wurde ich aufgefordert eine Plastikschüssel mit allem möglichen textilen Dingen zu nehmen und der Frau in Uniform zu folgen.

Zwei Türen weiter stand ich in einem Zellentrakt. Dem Parterre eines Zellentraktes mit diffusem Oberlicht, eine Orgie in Grau, neugierigen Blicken aus der dritten Etage. Bis dort streifte mein Blick. Hindurch durch Fanggitter, blecherne Umläufe, Treppen , die mit Gittertüren auf den Etagen beschlossen waren und den Blick auf Zellentüren freigaben.

Durch dieses Zellenhaus ging ich in die erste Etage, wandte mich von der Treppe nach links und wurde in die vorletzte Zelle der Etage von der Frau aufgefordert einzutreten.

Als nächstes musste ich mich komplett ausziehen. Die Fremde stand auf Armeslänge bei mir und wich keinen Zentimeter. Das war noch nicht genug. Völlig ohne Kleidung wollte sie ,dass ich die Ohren frei machte. Sie griff meine Ohrmuscheln, bog sie in alle Richtungen um jede Hautfalte zu prüfen und das mit einem Vergrößerungsglas.
Gleiche Musterung an meinen Achseln als auch Schamregion.
Die Uniformierte fand weder Filzläuse noch Verbotenes oder Waffen an mir verborgen.
Dann wurde ich auf die Waschschüssel verwiesen, dass ich diese Kleidung anzuziehen hätte.
Es war ein Trainingsanzug, Männer-Stricksocken , Unterwäsche aus Omas Zeiten, ein Drillich-Hemd, braun-gelb karierte Filzpantoffeln.
Ich zog mich vor ihren Augen an. Meine Blöße war bedeckt. Irgendwie steckte ich wie ein Zwerg in geborgten, zu großen Kleidern. Alles schlotterte um einige Größen zuviel an mir.

In knappen , dürren Worten wurde mir noch mitgeteilt, dass ich alles Nötige in besagter Waschschüssel fände wie z.B. Plastikbesteck, Zahnbürste, Handtuch, Klopapier, Seife, Plastikteller, Henkeltasse, Bezug für Bettdeck und Kopfkissen und falls ich noch mehr bräuchte, könnt ich dort , jene Klingel an der Wand tätigen.

Die Unformierte nahm meine Kleidung über den Arm und verließ die Zelle, schloss geräuschvoll die Tür hinter sich mit mehrfachem Schlüsseldrehen, Riegel schieben und Dröhnen.

Das waren also die ersten Kilometer auf dem Weg. Hinaus aus dem Osten, weg von Dresden nach Berlin und in den Westen. Die ersten von etwa 220 km. Heute mit dem Auto – keine Entfernung.
Doch : wie viel Zeit und wie viel Kraft würde ich von dieser Stunde an aufzubieten haben zwischen Start Dresden und Ziel Berlin.
Dies kann ich erst im Rückblick sehen und werten.

Durch die schnelle Abfolge und die perfide Selbstverständlichkeit, wie sich die Dinge aneinander reihten , dass ich nicht persönlich angesprochen , sondern wie ein dressiertes und abgerichtetes Tier mit Anweisungen konfrontiert wurde, war ich so befangen, dass ich nun erst, nachdem die Tür verschlossen und ich mit mir allein war, die ersten Gedanken fassen konnte, mich orientieren, meine Lage betrachten und meine Umgebung.

Das Verlassens meines alten Lebens und das Eintreffen hatten an jenem Donnerstag etwa eine bis eineinhalb Stunden gedauert und als ich erstmalig allein in der Zelle war, war es etwa zwei Uhr Mittag.

Die Zelle bot Platz für zwei Holzpritschen von 90 cm Breite, mit einem Gang von höchstens 50 cm und vom Fußende der Pritschen blieb maximal ein Meter Platz, der von Waschbecken und Toilette an einer Wandseite noch beansprucht wurde.
Unterhalb des Fensters, am Kopfende der Pritschen, fand sich ein roh gezimmertes quadratisches Brett, dass als Tisch zu nutzen war und ca. 1m darüber ein Schränkchen von 1m Breite aus Sperrholz.
Weiter oben dann das Fenster, was aus einer halb Meter hohen und ca. 10 cm tiefen  Mauernische bestand und oberhalb durch Glasziegel bis zur Raumdecke begrenzt wurde. Die Tiefe der Mauernische und der Abstand zu den Glasziegeln wurde durch ein simples Brett verschlossen oder auch geöffnet und diente dem Sauerstoffaustausch innerhalb der Zelle. Dafür gab es einen Hebel mit Griff, der beweglich war.

Diese Inventur hab ich nicht umgehend und sofort gemacht, sondern alle Einzelheiten sind über viele Stunden in mich eingesunken und fixiert worden.

Das Einprägsamste in der Zelle war, dass ich mich allein fühlte.
In einer nicht gekannten Stille und Geräuschlosigkeit.
Nach der Lebendigkeit von Arbeit und Alltag nun dieser Kontrast.
Unglaubliche Stille um mich. In einem Haus voller Zellentüren. Über drei Etagen.

Ohne Stift, Papier, Büchern, Radio oder was auch immer. Nichts, womit ich mich hätte beschäftigen können. Noch nicht mal das simple Aus – dem –Fenster -Sehen war möglich.

Dann war Bewegung im Treppenhaus hörbar. Feste Schritte, Schlüsselgeräusche.
Und ich hörte, dass sich jemand energisch und nachdrücklich und unverkennbar räuspert.
Für mich mindest war dies unverkennbar, dieses Räuspern. Es elektrisierte mich, ließ mich von meinem Platz und bis zur Tür laufen, mein Ohr an die Tür pressen und mich ebenso laut und vernehmlich räuspern.

Ich erkannte meine Freund, Verlobten, heutigen Mann an diesem Räuspern.
Er hatte den Nerv und den Gedanken an mich bei Betreten des Zellentraktes , mir in dem Raum , der so wiederhallte bei kleinstem Geräusch , mir dieses wortlose Signal zu senden.
Nun wusste ich, dass wir beide auf dem selben Weg waren. Dass er ebenso drin saß im doppelten Sinn des Wortes wie ich. Und mir war klar, dass ich ihn lang nicht sehen werden würde, nicht sprechen werden könnte.

Die große Zeitspanne, die es dann wirklich wurde, konnte niemand von uns beiden vorhersehen. Das hatten andere über uns hinweg entschieden.

Hinter der Tür an der ich noch lauschte, trat Ruhe ein.
Es wurde still. Eine Stille, wie ich sie lang nicht erlebt und gespürt hatte. Kein Laut um mich.

Mit dem Mustern meiner Umgebung hatte ich nicht lang zu tun.
Die Glasziegel ließen nur funzelig das Tageslicht ein. Die Holzpritschen waren blankgerieben vom Gebrauch, die Wände bis zu halber Höhe mit Ölfarbe gestrichen in einem gräulichen Mischmasch von Grau mit Grün, Steinholzfußboden in Rotbraun.
Es war kühl.
Zum Bewegen war kaum Raum.

Mit mir und meinen Gedanken kam ich langsam zu einer gespannten Ruhe, überdachte mein Situation; in einer Zelle, in fremder Kleidung, ohne private Dinge. Tatenlos.

Zur Klärung eines Sachverhaltes hatte man mich in diese Kluft gesteckt ?
Sicher nicht.
Doch, was hatte man vor? Wie ging es weiter? Was sollte geschehen mit mir und überhaupt?

Ich setzte mich auf eine der Pritschen, neben eine strapazierte halb zusammengeklappte Seegrasmatratze, mit angezogenen Knien, die Arme darum, um weniger zu frösteln.

Draußen  schien es zu  dämmern.
Meine Blase drückte und ich ging zur Toilette, nah der Tür und setzte mich hin.
Es war mehr eine Ahnung, als dass ich etwas hören konnte, dass ich hinter mich und auf sah.
Es war jemand am Spion, diesem kleinen Guckloch in der Tür. Wenn ich hindurchsehen wollte, dann war es abgedeckt von außen.
Gerade jetzt, da ich hier auf dem Klo saß, war es offenbar wichtig, mich zu beobachten, meinen nackten Hintern zu sehen.
Unfassbar ! Ich hatte es sehr eilig, ohne fremde Augen auf mir meine Sachen wieder um mich und über mich zu bekommen und setzte mich wieder auf das bloße Holz.

Draußen dunkelte es. Es war ein Februartag. Nun war es also still und dunkel. Und ich wartete. Worauf?
Man hatte mich doch gewollt, hatte mich sogar abgeholt. Doch es geschah nichts.

Das konnte nur Absicht sein.

Am Abend – es mochte mittlerweile neunzehn Uhr sein – kamen Schritte, die Tür wurde unter mehrfachem Schließen , hallendem Entriegeln geöffnet und ein uniformierter fadenscheiniger junger Mann sagte: „Nummer Eins, komm’ se“ und wartete, dass ich die Tür eben gerade durchquert hatte. Dann „Gesicht zur Wand“.
Warum ich wie ein Spielzeug all dies ohne Widerspruch tat, kann ich bis heute nicht begründen.
Der Wachmann lief los, ich folgte ihm. Ganz nach oben im Zellenhaus, durch weitere Gänge, die offenbar zu einem Zwischengebäude gehörten, in einen Gang auf einer Etage, die beiderseits aus Türen bestand.
Niemand war weit und breit zu sehen.
In der Hälfte des Ganges bekam ich wieder das Kommando Gesicht zur Wand und kurz danach wurde ich aufgefordert einen Raum zu betreten.
Hinter mir schloss sich eine gepolsterte, wattierte Tür zur Raumseite.

Das Mobiliar war so primitiv, dass sich diese Benennung  fast schon erübrigte. Ein Schreibtisch quer vor dem Fenster, einer längs dazu gestellt.
Ich sollte auf einem roh gezimmerten, am Boden verschraubten Hocker mich hinsetzen.
In einer Art Nische des Zimmer, dem Areal mit dem wenigsten Licht bei Tag oder Nacht, wie jetzt eben. Der Hocker glich einem Schemel eines Bauernhofes.

Dort begann man mit mir zu reden. Nein, es waren keine Gespräche, sondern  Wiederholungen, dass ich nun doch mal „erzählen“ solle.
Es wurde kein Dialog, denn man hatte mich geholt, meine Kleider und alles Private von mir genommen. Ich wusste nicht, wer mein Gegenüber war. Davon hatte ich Vermutungen, Ahnungen. Doch der Mann im vis-a-vis war nicht fähig, nicht gewillt und auch sicher nicht befugt, mir zu sagen, warum ich es wozu mit wem zu tun habe.
Über Stunden zog sich dieses Katz-und-Maus-Spiel hin, ohne dass klare Fronten im Gespräch erkennbar wurden.

Von mir erwartete man, dass ich mich erklären solle, ich dagegen war mir sicher, dass man mich geholt hatte zur Klärung eines Sachverhaltes und mir sicher sagen würde, um welchen Sachverhalt es sich denn handele.

Bei einem Punkt des Stillstandes beidseitig wurde ich zurück in meine Zelle geführt. Es war tiefe Nacht und ich war dankbar über die Pause mit mir allein und der Stille.
Auf dem Tischchen standen auf einem Teller Brot und Wurstaufstrich und eine Kanne mit Malzkaffee.
Ich nahm nur beiläufig wahr, dass man mich verpflegte, zu versorgen versuchte. Immerhin war ich noch immer hier zur Klärung eines Sachverhaltes.

Doch mein Erholen währte nicht lang. Die Verpflegung blieb unberührt und verschwand ebenso , wie sie geisterhaft erschien.
Die nächste Runde des Vernehmens schloss sich an. Mit gleichem Resultat.
Man hatte mir – sicher nach Mitternacht inzwischen – einen ausgeruhten und gut aussehenden Mann geschickt. Ein „Romeo“ ? So nannten sich jene dienstbaren Staatssicherheits-Herren, die mit Charme und Romantik versuchten, Frauen dienstbar und redselig zu machen.
Er übernahm die Rolle des „guten Jungen“, sprach leise, wiegelte ab, meinte, dass meine Situation nicht so düster sei, wie sie scheine und dass sich sicher Wege und Lösungen finden werden, ich mich nicht von der Umgebung und allem anderen zu sehr beeindrucken lassen solle.
Es waren versteckte Andeutungen für mich, die wohl zusammenhingen mit meinem ruhigen abwartenden und geduldigen Verhalten in der Zelle.
Ich war offenbar beobachtet worden und hatte mich anders als erwartet verhalten und damit diese Äußerungen ausgelöst.

Im Gespräch drehten wir uns weiter im Kreis. Ich wurde aufgefordert, zu gestehen, was mir nur in Andeutungen vorgehalten wurde, ich ließ mich nicht darauf ein.
Dass ich Westkontakte gehabt hätte, hielt man mir vor. Natürlich hatte ich solche. Es war meine Verwandtschaft, das konnte ich freimütig und ohne Zögern bestätigen. Hatte es doch nichts zu tun, damit, dass man mich zu verhören versuchte.

Es gab noch einen dritten und weiteren Mann, des Verhörs  in der ersten Nacht, den ersten Tag hindurch.
Mindest achtundvierzig Stunden ließ man mich nicht schlafen und nicht ausruhen.

Doch auch ohne Schlaf und inzwischen ohne Gefühl für Raum, Zeit und Tag oder Nacht, ging der Rhythmus im Zellentrakt weiter.

Das bedeutete, dass in zeitlich festgelegten Abständen in der Nacht das Licht der Zelle eingeschaltet wurde. Sollte sich der Schläfer in einer Geste des Schlafes zugedeckt und umgedreht haben und dabei die Arme nicht sichtbar sein, dann wurde laut an die Tür geschlagen, notfalls die Klappe in der Tür geöffnet um im Kommandoton den Schläfer zu belehren „Hände auf die Decke“.

Nichts für schwache Gemüter. Nichts für Leute mit leicht zu störendem Schlaf.

Sieben Uhr am Morgen war die Nacht zu Ende. Das geschah mittels lauter Sirene. Das Geräusch war durchdringend und ähnelte einem Schnarren. Nichts was das Hören negieren und überhören wollte oder konnte. Und kurz darauf wurde von außerhalb das Licht im Raum eingeschaltet.

Nach etwa dreißig Minuten wurde es lebendig im Treppenhaus. Die Stahlböden der Umläufe des Zellentraktes konnten auch die eilfertigen Schritte auf Gummisohlen nicht schlucken und es begann rundum zu klappen, zu klappern.
Medizin  wurde durch die Klappen in den Türen gereicht, Brillen den Brillenträgern zurückgegeben nach der Nacht, die Rasierapparate machten die Runde.

All das hatten meine Sinne, mein Gehör binnen weniger Tage zu hören gelernt, ohne dass eine menschliche Seele mir dies hätte zu erklären oder beschreiben versuchte.

Was für ein erlösender Moment. Ich erinnere mich, wie erleichtert ich war, als ich zum ersten Mal hörte, dass irgendwo in diesem Hause jemand die Klospülung drückte.
Ein Zeichen, dass es nicht nur mich allein gab in diesem Haus, nicht ich allein in dieser Lage und Situation war.
Und so lernte ich in Etappen die Laute vor meiner Tür , neben mir , über mir und ringsum zu hören, zu erkennen und zu deuten.

In einer Stunde , in der die Stille sich um nichts bewegte, hob auf einmal ein Tackern an. Ein Morsen. Es hatte System. Es war auch hörbar, dass es erwidert wurde. Doch ich kam nicht dahinter, wie es funktionierte. Als Stadtmensch und Landratte und ohne Kontakte zur Marine hatte ich von Morsen keine Ahnung.
Ich versuchte durch schüchterne , hilflose Versuche des Klopfens mich bemerkbar zu machen. Andere Häftlinge im Haus suchten offenbar Verbindung und Verständigung zueinander und untereinander. Doch kam ich nicht hinter das Muster der Verständigung.
Allein das Geräusch war mir tröstlich. Das Wissen, dass dieses stille Haus noch andere gefangen hielt.

Der Tagesablauf der ersten Tage hielt ständig Unerwartetes und Überraschendes bereit.
Die Tür war ausgestattet mit einem quer liegenden Brett, das sich nach außen öffnen ließ.
Manches Mal wurde es wortlos und geräuschvoll runtergeklappt und auf der Fläche erschien dann ein oder mehrere Gegenstände und eine Stimme kommandierte: „Nehm’ Se“.
Mal war es Essen und Trinken.
Eines Morgens erschien eine Blechschüssel und noch ein paar Utensilien.
Keine Ahnung, wozu ich das hätte gebrauchen sollen.

Die Uniform in Bauchnabelhöhe maulte von vor der Tür: „ Saubermachen“.
Aha, dazu also Handfeger, Schaufel, Wischlappen, Bohnerwachs und Bohnertuch.

Musste es für mich irgendwas bedeuten, dass der Fußboden sauber sein sollte?
Jetzt und hier für mich? Zur Klärung eines Sachverhaltes?
Nach meiner Meinung nicht. Wirklich nicht.

Eine weitere Überraschung war, dass andere Leute beschlossen hatten, dass ich einer Dusche bedurfte.
Wieder einmal fuhr ich von Lärm und Dröhnen an der Tür hoch, weil man die Tür öffnete und im kommandierte: „ Handtuch, Seife... zum Duschen !“ Ich raffte in Eile die paar Sachen zusammen und lief dem Schließer hinterher. Eine halbe Runde um die Etage zu einer unbekannten Zelle. Mit „Gesicht zur Wand“ wartete ich, dass er das Öffnen der Tür bewältigte, trat über die Schwelle und dachte ohnmächtig werden zu wollen.
Der Raum war vom Boden bis hin zur Decke gefliest. Abflüsse im Boden, mehrfache, verbrauchte Duschköpfe an den Wänden und glitschige Holzhocker am Boden verschraubt, kurz hinter der Tür. Die Fenster waren Glasziegel und niemals zum Öffnen gedacht gewesen.
Geschockt, gelähmt, völlig ergeben in die Situation, handlungsunfähig stand ich in diesem Raum.
Ich rechnete mit allem.
Bekleidet ging ich hin zum Wasserhahn und drehte. Und tatsächlich bewegte er sich . Ein wenig. Und ein wenig fing es von oben an zu tropfen und zu tröpfeln. Ich machte meine Arme lang, so lang ich konnte und drehte weiter an dem Hahn.
So klar und kühl und frisch das Wasser aus dem Duschkopf kam, so entspannt strömte es in mir, dass ich wirklich Wasser hätte und wirklich duschen könnte.
Das tat ich dann in Windeseile, wusch mir die Haare, ließ das Wasser über mich fließen und konnte Momente entspannen.



 
 
 

Haftbefehl

Die Verhöre tags und nachts erstreckten sich über etwa achtundvierzig Stunden. Der Druck dabei nahm zu, je länger es dauerte. Und da ich ja nicht allein die Flucht geplant hatte, war dann wohl der Moment erreicht, dass man überhaupt eine Handhabe hatte, mich mit einem Haftbefehl festzuhalten. Das wurde mir dann auch in einem Verhör mitgeteilt und dass ich dem Haftrichter vorgeführt werden würde.
Der Mann erschien in Zivil und las mir vor, was ich als zur Kenntnis genommen zu unterzeichnen hätte.
Das tat ich. Welche Chance hätte ich sonst gehabt ?

Es folgten das Registrieren von Fingerabdrücken, Fotografieren für die Kartei.
Aus der Zelle raus hatte ich wieder einem Wachmann zu folgen.
Bei Betreten des Raumes war auf den ersten Blick zu erkennen, was hier geschehen sollte. Es gab einen Fotoapparat auf einem Stativ, am Ende des Raumes einen Stuhl , dahinter eine Stoffverspannung , seitlich davor Lampen auf Stativen.
Ich hatte mich auf den Stuhl zu setzen mit Anweisungen des Gesichtes zur Kamera.
Das erste Bild wurde ausgelöst mit Blitzlicht.
Mein Stuhl war über einen Balken den Fußboden entlang bis zum Fotografen hin verbunden in einer Vorrichtung. Dort wurde dann an einem Hebel gezogen und ich
ich wurde samt Stuhl ins Profil gedreht und wiederum entstand ein Bild.

Mit dem Haftbefehl änderte sich mein Tagesablauf schlagartig.
Man ließ mich in meiner Zelle. Tagelang und allein.
Nur wurde ich täglich geholt. Nicht wie sonst treppauf, sondern ins Parterre und dort in kahle, hohe Betonzellen ohne Decken. Sie glichen einem Käfig und waren weit oben mit gelbem Wellblech aus Kunststoff bedeckt. Die Seiten des Gevierts hatten eine blecherne Brücke, auf der Wachleute liefen.
Dort ließ man mich nach Gutdünken etwa eine viertel Stunde täglich.
Man nannte dies Freigang oder Freistunden, weil es für Aufenthalt im Freien sorgen sollte.
Mit suchendem Blick konnte ich wenigstens einen Streifen vom Himmel sehen. Für viel mehr war kaum Platz in diesem Hundezwinger.

Zu zweit

Es gab weitere Verhöre. An einem Tag, als ich von dort in meine Zelle zurückgesperrt wurde , hatte ich plötzlich eine zweite Frau in der Zelle. Wenigstens jemand zum Reden.
Es stellte sich heraus, dass sie sich mit den Einzelheiten der Untersuchungshaft, Verhören und so weiter schon richtig gut auskannte und aus dem Effeff den Wochenplan kannte, wann welche Etage duschen ging, die Zeiten für Freistunde, die Tage des Buchverleihes, wie oft „Einkauf“ sein durfte und wie das mit dem „Eigengeld“ funktionierte und sie wusste auch genau bescheid, was die Klopfgeräusche bedeuteten und wie ich sie lernen konnte. Das Alphabet wurde geklopft. Für A einmal, für B zweimal, für C dreimal und so weiter. Worte wurden in Einzelbuchstaben übermittelt.
Für erfasste Worte gab es Signale der Bestätigung. So also war es möglich, zu Anderen im Haus Kontakt zu finden.
Das war streng untersagt, doch nicht zu unterbinden. Wer sich erwischen ließ , konnte sogar mit Arrest rechnen.
In diesem Haus reichte es , wenn man Wand an Wand mit dem Fingernagel Klopfzeichen gab, weil die Betonwände hellhörig waren.
Je lauter man zu klopfen  vermochte, konnte man auch Kontakt haben bis zu zwei Etagen über oder unter der eigenen Zelle. Der Lautstärke wegen war dies natürlich riskant und von den Wachleuten auf dem Gang zu hören.
Von meiner ersten Zellengenossin erfuhr ich noch eine weitere Möglichkeit, zu anderen Mitinsassen Kontakt aufzunehmen: Telefonieren.
Dazu wurde das Klo von Wasser entleert. Entweder mit der „Lissy“, der Toilettenbürste , sowie dem Wischlappen. Wichtig allein war, dass das Knie vom Abfluss ohne Wasser war. Denn dadurch, dass alle Toiletten an einem Strang und das jeweils links und rechts vom Abwasserrohr waren, ergab sich eine hallende Röhre.
Zum Sprechen hatte man sich dann vor das Klo zu beugen, am besten noch halb hinab und in den Trichter zu sprechen. Auch dies war strengstens verboten und konnte mit Arrest bestraft werden, wenn die herrischen Kommandos des Unterlassens nicht befolgt wurden.

Einmal pro Woche durfte man sich von einem Wagen mit Büchern Lesestoff aussuchen.
In der Zelle waren manche Tage endlos und Ablenkung durch ein Buch in meinen Augen sehr willkommen. Ich dachte, die Zeit zu lesen für mich nutzen zu können und fragte nach, ob ich mir bestimmte Bücher geben lassen könnte. Es waren alles Bücher mit vielen Seiten und teils mehrbändig wie z.B. Dostojewski, Tolstoi und andere.
Dazu war man nicht bereit. Wenigstens konnten wir zu zweit in der Zelle noch untereinander Büchertausch haben und damit die Zeit vertreiben. Meist waren die geliehenen Bücher nach dem Wochenende ausgelesen und man wurde mit Untätigkeit gefordert.
Bewegen war kaum möglich. Der ganzen Tag sitzend auf der Holzpritsche zu verbringen, ebenso.


Es gab ja nichts, was als Untersuchungshäftling in eigener Entscheidung und Bestimmung lag. Wollte ich etwas, dann hatte ich zu klingeln, zu warten, dass jemand an die Tür kam die Luke öffnete und bereit war, mir zuzuhören.
Das betraf auch Klopapier und für mich als Frau so Sachen, die zur Menstruation gehören. Die Wachleute waren alle männlich und so zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt.
Eine dieser Bitten um Utensilien zum Zyklus kam ein Wachmann nach auf seine sehr eigene Art. Er reichte mir hinter seinem Rücken und spitzen Fingern durch die Luke eine einzige von diesen Vorlagen zu, verschämt, damit keiner seiner Kollegen es sähe. Mein Protest, was ich denn mit einer einzigen dieser kratzigen Zellstoffdinger solle, ich wolle mir nicht allein die Nase trocknen, ließ er unkommentiert und reichte dann wortlos mehrere nach. Na, so wirklich aufgeklärt schien er mir nicht.

Es gab Zeiten zwischen den Verhören , in denen ungewöhnlich viel durch den Spion – dem Beobachtungsglas in der Tür – geschaut wurde. Und es häufte sich zu Zeiten, als Körperpflege dran war. Bis ich mich bei meinem „Vernehmer“ beschwerte, ob denn die Wachleute drauf angewiesen wären, uns weibliche Häftlingen zur eigenen Triebbefriedigung zu beäugen, es wäre doch landesweit üblich FKK baden zu gehen.
Ein wenig hatte es geholfen, dass die Beobachtungen während des Waschens nachließen.
Es gab ja keine Chance, sich zum Schlafen zu beliebiger Zeit zurechtzumachen, weil ja nach der Uhrzeit irgendwann das Zellenlicht abgeschaltet wurde und danach in Abständen Lichtkontrollen die Nacht hindurch stattfanden. Egal, ob ich schlief oder wachte wurde ich beobachtet. Alle Schlafstellungen , bei denen keine Hände sichtbar waren für die Wachleute, wurden lautstark und durch Licht abgebrochen, egal ob man fror oder schlafend die Decke zu weit um sich gezogen hatte.


Meine erste Zellengenossin war so plötzlich, wie sie erschienen war, auch eines Tages wieder verschwunden. Mein Misstrauen war wohl nicht unbegründet gewesen. Alles was sie von sich und ihren Mitstreitern der Tat erzählt hatte, war mir zu nebulös und ich hatte nicht im Mindesten das Gefühl, dass ich ihr Einzelheiten über mich erzählen sollte. Meine Ahnung war einfach, dass sie gezielt zu mir in die Zelle geschickt war, um mich zu beeinflussen, vielleicht sogar um als Zuträgerin zu fungieren.
Dafür bekam ich dann nach ein paar Tagen allein eine Neue. Diesmal sogar, als ich in der Zelle anwesend war.
Wir waren beide fast gleich jung. Sie war zwei, drei Jahre älter vielleicht und eine ausgesprochen sensible Seele.
Im Gegensatz zu mir, kam sie von Verhören zurück, ließ sich auf die Pritsche fallen und weinte hemmungslos.
Die wenigen Male, dass mir derart jämmerlich und wütend zumute war, konnte ich es immer vor den Augen des Vernehmers oder den Wachleuten verbergen.

Mit dieser neuen Zellengenossin kehrte ein wenig andere Stimmung ein. Wir konnten uns stundenlang erzählen und allmählich kam es auch zu Episoden, über die ein wenig Heiterkeit zu uns zurückkam. Es gab keinen Grund, ihr zu misstrauen. Sie war ebenso wie ich rein politisch motiviert und darum in Haft genommen worden, teilte meine Freude, wenn ich wieder einmal an der Tür lauschte, um auf das Räuspern meines Mannes zu lauschen und mich zu freuen, wenn ich es erwidern konnte. Es war ein kleines Lebenszeichen, immerhin. Und im Zellenhaus hallte alles wieder. Für unsere Signale war das ein Vorteil.
Ging es wirklich einmal um Themen, die wir als heikel ansahen, dann setzte sich eine von uns aufs Klo, die andere stellte sich in unmittelbare Nähe ans Waschbecken bei offenem Wasserhahn und simulierte Hantierungen unter fließendem Wasser. Es sollte nur als Geräuschbarriere zum Gang hin dienen und wir flüsterten so leise als möglich.
Gemeinsam mit ihr wechselte ich dann die Zelle. Einen Grund dafür nannte man uns nicht. Es war einfach eine andere Zelle, wenige Türen weiter, doch man trennte uns nicht.

Einer der Wachleute fragte uns bei Rückkehr vom Rundgang „im Freien“, ob wir bereit wären, Flickarbeiten zu machen zum Zeitvertreib. Entlohnung gäbe es keine, aber auch keinen Zwang. Die Zeit des Tütenklebens war wohl schon vorbei. Wir sagten, dass wir es uns überlegen wollten und wurden weggeschlossen.
Untereinander berieten wir uns und waren beide der Meinung, dass wir es annehmen würden, riefen dann die Wachleute und fragten präzise, worum es ginge. Man erklärte uns, dass es um Stopfen und Legen gewaschener Strümpfe ginge, die Utensilien bekämen wir dazu dann in die Zelle. Schade, unsere Hoffnung war auch dahin gegangen, dass wir vielleicht für Stunden aus der Zelle hinaus könnten.
So brachte man uns dann hin und wieder einen Plastikkorb mit Socken sowie Garn, Stopfnadeln und einer Kinderschere, die vor der Nachtruhe auf jeden Fall aus der Zelle herausgeholt wurden.

Mit dieser neuen Frau in meiner Zelle erklärten sich für mich auch einige bis dahin unbekannte Geräusche des Tages.
Sie bekam nämlich Medizin in einem kleinen Kunststoffbecher durch die Klappe. Es waren Beruhigungsmittel , die sie unter Aufsicht auch schlucken musste, damit sie keine Gelegenheit des Sammelns hatte.
Und sie war Brillenträgerin und musste am Abend, kurz vor Abschalten des Lichtes ihre Brille aus der Zelle geben, bekam sie dann morgens wieder zurück. Das waren wohl Sicherheitsvorkehrungen, damit sich niemand selbst am Glas schneiden konnte. Darum gab es wohl auch das Plastikbesteck, Plastikgeschirr.


Ich bekam Zahnweh. Und es war keiner der Backenzähne. Der Schmerz ging nicht weg.
Mein Gesicht begann zu schwellen. Von den Wachleuten forderte ich Schmerzmittel ein, die ich auch bekam. Es war ja offensichtlich, dass ich Grund dazu hatte. Meine Oberlippe, linke Gesichtsseite, Nasen-Mund-Falten waren geschwollen und es entwickelte sich dahin, dass meine Unterlippe nicht mehr zu sehen war. Die Menge der Schmerzmittel nahm zu und man gab mir „Gelonida“, ein übliches, bekanntes Mittel. Die Wirkungszeit wurde immer kürzer. Und mein Drängen  nach  einer ärztlichen Versorgung wurde dann nach drei Tagen erstmalig ernst genommen. Im Haus wurde ich einem herbeigeholten Arzt vorgestellt, der auch meine Zähne beurteilte. Seine Feststellung, dass es sich um eine Vereiterung handele, war auch mir Laien klar und ich kam mir mit meinem verschwollenen Gesicht und den ständig starken Schmerzen veralbert vor. Für die Nacht wolle man mir noch Zäpfchen geben gegen den Schmerz und am nächsten Tag solle ich dann zu einem Zahnarzt gebracht werden.
Es war mir nicht mehr möglich mit dem aufgeschwollenen Gesicht normal zu essen, weil ich durch die Schwellungen meiner Oberlippe meinen  Mund nur noch begrenzt öffnen konnte. Als Krankenkost erhielt ich jeweils als Essen eine Schüssel mit warmem Pudding.
Den Löffel samt Pudding bekam ich noch weniger in den Mund als ein flaches Stück Brot. Doch bei aller Abneigung auf den süßen, warmen Brei nahm ich das Essen an. Meiner Zellengenossin zuliebe, die mit mir ihr Essen teilte.
Zu dem Zahnarzt wurde ich nach außerhalb des Gefängnisses gebracht. Die Fahrt im PKW machte es möglich, dass ich nach Wochen und Monaten mal wieder die Umgebung sehen konnte und den Beginn des Frühlings. Beim Warten auf einem Gang mit venezianischen Fenstern kamen mir Magnolienblüten wie ein Geschenk vor und ich konnte mich gar nicht satt sehen, trotz Schmerz, Fieber, deformiertem Gesicht und meinem insgesamt schlechten Zustand.
Der Zahnarzt schnitt mir ohne Betäubung den Kiefer auf, ließ den Eiter abfließen, reinigte die Wunde. Nach Tagen und Nächten mit Schmerzen konnte ich nicht anders, als diese Tortour hinzunehmen mit der Gewissheit, dass sie danach abklingen werde. Es trat Besserung ein. Doch nur für eine knappe Woche, dann gab es einen Rückfall und ich wurde noch mal zu einem Zahnarzt gefahren. Diesmal in die Universitätsklinik in Begleitung des Sanitäters. Es war ausgerechnet das Nachbargebäude, in welchem meine Schwester als Krankenschwester arbeitete. Meine Blicke gingen hinauf zu der Etage, in welcher ich sie vermutete. Womöglich war sie gerade dort und wusste nichts von meiner Nähe.
Als der Zahnarzt mich unter Schmerz behandelte, strich der Sanitäter mir über die Hand. Eine menschliche Geste, die ich so unverhofft erhielt.
Dieser Mann war in der Haftanstalt für die kleineren medizinischen Dinge zuständig und war ein alter Herr. An diesem Tag war ich dankbar, dass man ihn als meinen Begleiter mitgeschickt hatte. Das Auto war jedoch so nah an den Hauseingang gefahren worden meinetwegen, dass es aussah, als wolle man noch die Treppen hinauf mit mir. Damit ich ja keinen Schritt zu weit zu gehen bräuchte um vielleicht noch zu türmen.
Physisch war ich dazu nicht fähig. Ich fühlte mich regelrecht krank. Auch durch Gaben von Antibiotika, die ich erhielt gegen die Zahnwurzelvereiterung.


Warmes, süßes breiiges Essen mochte ich noch nie, doch bekam ich es weiter vorgesetzt solang meine Zähne noch nicht wieder gesundet waren. Etwas anderes als Pudding und Kartoffelbrei kannte der Koch offenbar nicht.

Essen wurde auf einem Teller in Portionen durch die Klappe an der Tür gereicht.
Wir erhielten Brot, dass übereinandergelegt war und beim Nehmen der Scheiben, dazwischen verschimmelt war. Es wiederholte sich. Aus der Zelle heraus schimpften wir darüber die Wachleute an, erhielten auch Ersatz.
Eines Tages nahmen wir gerade erhaltene Brotscheiben von ihrem Teller und darunter hervor ergriffen mehrere Krabbeltiere die Flucht aus ihrem Versteck.
Jetzt war es genug.
Wir hatten genug gesehen und erlebt und waren nicht länger bereit, den Schlendrian der Wachleute hinzunehmen, denn bei jenen hatten wir ja schon oft genug moniert, dass sorglos mit offenem Essen umgegangen worden war.
Zunächst forderte eine von uns einen Termin beim Anstaltsleiter. Man würde es weiterleiten. Alles Weitere war Schweigen.
Weiterhin forderten wir die Anstaltsordnung zu lesen, um uns zu informieren, welche Möglichkeiten es gäbe, solche Gesundheitsgefährdung wie Ungeziefer im Essen auf dem bürokratischen Weg abzustellen.
Nun wurden wir wirklich ärgerlich und fingen an deutlich zu werden, dass wir nicht mehr gewillt waren , uns alles gefallen zu lassen. Meine Mitstreiterin forderte einen Brief an ihren Anwalt schreiben zu wollen. Es gab keine Möglichkeit einen Brief aufzusetzen.

Mit unserem Protest ließ man uns ins Leere laufen, reagierte nicht.
Mindest wurde mehr auf das Essen geachtet und weder Schimmel noch Ungeziefer tauchten wieder auf.


 


 

 






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